Die Wuppertaler Mutmacher 2017: Vom Scheitern und Lesen

Die Wuppertaler Mutmacher 2017 : Vom Scheitern und Lesen

Der Wuppertaler Martin Sell war Analphabet und wollte nicht mehr leben. Mit den Buchstaben kehrt die Freude zurück.

Martin ist 14 Jahre alt. Er gibt diesem einen Mädchen den Zettel, den er schon den ganzen Schultag wie ein Gewicht in der Hosentasche spürt. Sie faltet ihn auseinander. Und sie lacht. "Martin kann gar nicht schreiben", schreit sie den anderen Kindern zu. Dabei hat Martin etwas aufgeschrieben, seine Gefühle. Nur halt nicht nach den Regeln, die ihm immer verschlossen geblieben sind. "Schaut mal", ruft sie wieder, der Zettel flattert in ihrer Hand in der Luft, hoch über ihrem Kopf. Martin wird es heiß, sein Gesicht färbt sich dunkelrot. Nie wieder, beschließt der Junge damals vor 27 Jahren. Nie wieder schreiben.

Es war ein Pakt mit sich selbst, den er erst als Erwachsener brechen sollte. Es war nicht erst die Szene auf dem Schulhof, die ihn verzweifeln ließ. Sie bildete nur den traurigen Höhepunkt eines Gefühls, das ihn ständig begleitete. "Ich kann nix, ich werde nix, ich bin Nix", sagte sich der heute 41-jährige Wuppertaler immer wieder. Seine Adoptiveltern nahmen ihm später diesen vermeintlich bezeichnenden und so kränkenden Nachnamen Nix. Das Gefühl aber blieb.

Sein leiblicher Vater war Legastheniker. Das einzige, was er Martin mit auf dem Weg gab, war die vererbte Lernschwäche. Martin wiederholte die erste Klasse, quälte sich durch die Grundschule. "Meine Adoptivmutter meinte es gut. Sie schickte mich auf eine Waldorfschule." Dort konnte Martin nicht sitzen bleiben. So wurden die zehn Schuljahre voll und Martin Sell wurde ins Leben entlassen, ohne jemals schreiben und lesen gelernt zu haben.

1999 stirbt die liebevolle Mutter und Martin wird wieder mal mit seinem stillen Pakt konfrontiert. Der Stiefvater will nichts von ihm wissen. Er organisiert ihm eine Wohnung und verabschiedet den Sohn für immer. Martin geht zum Arbeitsamt und bittet um Hilfe. Stattdessen bekommt er Formulare. "Lesen Sie den Antrag in Ruhe durch und unterschreiben Sie hier", sagt der Berater und legt ihm einen Kugelschreiber hin. Martin Sell stottert noch, er müsse auf die Toilette, dann flieht er.

Harte Jahre, sagt er heute und blickt traurig in seine Erinnerungen. Irgendwann versucht er, sich das Leben zu nehmen. Wozu auf einer Welt bleiben, die ihm so verschlossen ist? Der Selbstmord scheitert und Martin Sell überwindet sich, einen anderen Ausweg zu wählen. Er ruft beim Alphabetisierungstelefon an, das bundesweit an Menschen wie ihn appelliert, ihre Schwäche in Angriff zu nehmen.

Mit 29 sitzt er wieder in einem Klassenzimmer und starrt auf Buchstaben. Vier Kurse hat er seitdem besucht. Die Lehrerin lacht nicht über die Schwäche ihrer Schüler. Sie hilft Martin Sell durch die Texte und macht ihm Mut, nicht den Mut zu verlieren. "Das Schlimme war, dass das Arbeitsamt wollte, dass ich nur einen Kurs mache", erzählt er. "Aber wer kann nach einem Semester Chinesisch schon fließend Chinesisch?" Zum ersten Mal nimmt Martin Sell den Kampf auf, mit dem Amt und den Wörtern — und er siegt. In einem Test in der Volkshochschule schafft er 93 von 100 möglichen Punkten. Und seit sieben Monaten hat er seinen ersten festen Arbeitsvertrag. Er ist im Warenein- und -ausgang tätig. Beim Lesen und Schreiben helfen noch die Kollegen.

"Ich möchte einfach so lesen und schreiben können wie alle anderen die das in der Schule damals gelernt haben. Weil es das Leben leichter macht und man muss sich nicht immer so dumme Sachen anhören warum man das nicht kann."

Martin Sell hat zum zweiten Mal in seinem Leben seine Gefühle aufgeschrieben. Der Bundesverband Alphabetisierung hat Martins handgeschriebenen Dreizeiler bundesweit gedruckt. Die Zeichensetzung stimmt nicht, das weiß Martin Sell. Aber das macht ihm nichts, er hat nämlich, nachdem er Jahrzehnte lang sein Leben nach dieser Schwäche ausgerichtet hat, endlich seine Stärke gefunden. "Ich kann halt zwischen den Zeilen lesen", sagt er und lacht befreit.

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