Für viele Erwachsene sind Halbjahreszeugnisse „nur ein Zwischenstand“. Wie ernst nehmen Schülerinnen und Schüler ihre Leistungsbilanz selbst?
Scholz: „Für Schülerinnen und Schüler haben die Zwischenzeugnisse eine hohe Bedeutung. Was die einen mit Stolz in Empfang nehmen, ist für die anderen ein Stück belastendes Papier. Wer gute Noten bekommt, freut sich auf die Zeugnisverleihung. Jugendliche, die schlechte Noten bekommen, würden sich ein Leben ohne Noten wünschen.“
WHO-Daten zeigen, dass immer mehr Jugendliche schulischen Druck wahrnehmen. Wie erleben Sie diese Entwicklung im Alltag Ihrer Schule?
Scholz: „Alle Kinder wünschen sich gute Noten. Vielen fällt es allerdings schwer, etwas dafür zu tun. Es gibt bereits Kinder in der fünften Klasse, die richtig Angst vor Prüfungen haben und zu Klausuren krank werden.
Ich denke, dass viele Kinder das Gefühl haben, dass ihre Wertigkeit von den Noten abhängt. Im Religionsunterricht versuche ich den Kindern zu vermitteln, dass sie aufgrund ihrer Persönlichkeit einmalig und etwas ganz Besonderes sind. Die schulische Leistung sagt nichts über ihren Wert aus.“
Wie stark beeinflussen Erwartungen von Eltern und Gesellschaft den Umgang der Jugendlichen mit ihren Noten?
Scholz: „Mir fällt auf, dass viele Eltern von ihren Kindern den höchstmöglichen Schulabschluss erwarten oder erhoffen. Damit ist viel Druck verbunden, und einige Kinder sind überfordert. Kinder, die in der Schule nicht leicht lernen oder zu sehr abgelenkt sind, haben dann leicht das Gefühl zu versagen. Neben dem kognitiven Lernen ist aber auch das soziale Lernen sehr wichtig.
Durch Rollenspiele im Religionsunterricht wird das Selbstwertgefühl der Kinder gestärkt und auch diejenigen, die nicht so gut rechnen oder Texte verfassen können, können hier punkten.
Im Religionsunterricht versuche ich durch eine Methodenvielfalt, die Kinder miteinander in eine Interaktion zu bringen, wo Teamarbeit und Kreativität gefragt sind. Durch Rollenspiele oder kleine Theaterstücke wird das Selbstwertgefühl der Kinder gestärkt und auch diejenigen, die nicht so gut rechnen oder Texte verfassen können, können hier punkten und gute Rückmeldungen bekommen.“
Sie haben oft Ihren Schulhund Louie dabei, den Sie gerne als „Seelentröster“ bezeichnen. Kann er auch helfen, wenn es um Leistungsdruck und Enttäuschungen rund um die Zeugnisse geht?
Scholz: „Ein Junge aus der fünften Klasse hatte mir vor wenigen Tagen erzählt, dass er einen Vokabeltest in Englisch zerrissen habe, weil er eine Fünf geschrieben hat. Er war sehr verzweifelt und fragte mich, ob Louie auch Vokabeltests auffressen kann, so dass diese einfach nicht mehr existieren.
Gleichzeitig hat er Louie gestreichelt, und ich habe gemerkt, wie der Fünftklässler entspannter wurde. Die Kinder merken, dass Louie alle Schüler gleich mag, egal ob sie gute oder schlechte Leistungen in der Schule bringen. Wer beim Erzählen Louie im Schoß halten darf und sein Fell streicheln kann, spürt, dass Beziehungen viel mehr Halt und Tragfähigkeit geben als Schulnoten.
Wenn Sie einem Jugendlichen mit einem schlechten Zeugnis einen Gedanken mit auf den Weg geben dürften – welcher wäre das?
Scholz: „Manchmal sage ich Schülerinnen und Schülern: Wenn ich dir eine Note für deine Persönlichkeit geben müsste, wäre diese richtig gut. Du bist nicht deine Note, die du auf dem Zeugnis hast. Du bist ein toller Mensch mit deinen eigenen Stärken. Diese zähle ich auf.
Ein Kind aus der fünften Klasse hat beispielsweise immer die Kinder im Blick, die zeitweilig separiert in der deutschen Sprache in der sogenannten internationalen Klasse unterrichtet werden. Er sorgt dafür, dass diese bei besonderen Aktivitäten teilnehmen können, und holt sie in unseren Klassenraum. Auch sorgt dieser Junge jedes Mal dafür, dass Louie frisches Wasser bekommt. Ich lobe ihn sehr für seine fürsorgliche und empathische Art. Da auch er natürlich gute Noten haben möchte, überlegen wir dann gemeinsam, wie er seine schulischen Leistungen verbessern kann.
Dabei stärkt ihn das gute Gefühl, dass er ein toller Mensch ist, der sich für Mitschüler und Tiere einsetzt, unabhängig von seinen Noten. Wir Menschen sind als Geschöpfe Gottes nicht die Noten, die uns in der Schule in gute oder schlechte Schülerinnen und Schüler einteilen. Wir Menschen sind viel komplexer und von unschätzbarem Wert.“