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LVR-Förderschule in Wuppertal-Barmen: „Ich werde die Kinder vermissen“

LVR-Förderschule in Barmen : Christiane Strufe: „Ich werde die Kinder vermissen“

Nach 34 Jahren Tätigkeit an der LVR-Förderschule in der Wuppertaler Melanchthonstraße ist Schulleiterin Christiane Strufe (63) in den Ruhestand gegangen. Die Abschiedsfeier beschränkte sich wegen der Corona-Pandemie auf die Schulgemeinschaft.

„Ich freue mich, dass die Schülerinnen und Schüler noch mal in Präsenz kommen, weil ich sie dann alle noch mal sehe“, sagte sie vor dem großen Tag. Gerade die vergangenen anderthalb Jahre hätten sehr viel Kraft gekostet, seien sie doch immer geprägt gewesen durch die große Sorge um die Schülerinnen und Schüler, die aufgrund von Vorerkrankungen besonders gefährdet seien, schwer an Corona zu erkranken. So geselle sich jetzt bei allem Bedauern, Abschied von den vielen Menschen an der Schule zu nehmen, auch der Wunsch, Verantwortung ablegen und Zeit selbst gestalten zu können, so die ehemalige Schulleiterin.

Wie nah Leben und Tod gerade auch an dieser Schule zusammengehören, wird noch auf andere Weise eindrücklich klar: Betritt man die Schule, leuchtet einem im Eingangsbereich ein eindrucksvolles Wandmosaik mit dem Titel „Fülle des Lebens“ entgegen. Die Gestaltung dieses Mosaiks gehört im Rückblick zu den Highlights der Schulleiterin. Das mit künstlerischer Unterstützung im Rahmen einer Projektwoche von allen Schülerinnen und Schülern gemeinsam geschaffene Kunstwerk zeigt die Erde als Lebensraum (natürlich mit Schwebebahn), ergänzt durch eine Tag- und eine Nachtsäule. Hier findet auch der Trauertisch seinen Platz, wenn eine Schülerin oder ein Schüler stirbt.

  • Ozan und John-Lee während des Praktikums.
    Praktikum bei der GESA : Schüler schnuppern Arbeitsluft
  • Mit dabei war auch „Bergi“, das
    Schule am Nordpark : Eis essen mit BHC-Maskottchen „Bergi“
  • Schulleiterin Britta Norpoth.
    Samstag : Offener Vormittag in der Herder-Schule

Den gesamten Menschen zu sehen mit allem, was dazugehört, das Leben zu gestalten und dabei den Tod nicht auszuklammern, das soll an dieser Schule gelebt werden. „Dazusein für die anvertrauten Kinder ist mehr, als sie nur zu unterrichten“, so die feste Überzeugung von Christiane Strufe. Sie versteht die Schule als Lebensraum, weil die Schülerinnen und Schüler oft aufgrund ihrer Behinderung manches gar nicht erleben. Dem Kollegium „den Rücken frei zu halten“, um genau diese Aufgabe ausfüllen zu können, sei das wichtigste Anliegen.

An der Förderschule mit dem Förderschwerpunkt körperliche und mototische Entwicklung an der Melanchthonstraße können Kinder und Jugendliche mit vielen verschiedenen und zum Teil lebensverkürzenden Behinderungen ihre gesamte Schulzeit verbringen. Therapie und auch Pflege sind wesentliche Bestandteile des Schultages. Christiane Strufe war es ein großes Anliegen, gerade dem pflegerischen Bereich einen würdigen Raum zur Verfügung zu stellen. So gehören umfangreiche Umbauarbeiten 2009 zur Gestaltung angemessener Pflegeräume zu den wichtigsten, aber auch den sicher anstrengendsten Erinnerungen. Als Ansprechpartnerin und Mitkoordinatorin der Baumaßnahmen während der gesamten Sommerferien zur Verfügung zu stehen war nicht selbstverständlich und half, manche Panne zu verhindern.

Dass sie mit großer Energie diese Schule führen würde, hat sich zu Beginn der Ausbildung keinesfalls abgezeichnet. Das Studium der Sonderpädagogik in den Förderbereichen „Sprache“, „geistige Entwicklung“ und „Körperlich, motorische Entwicklung“ in Koblenz und Mainz mit dem Fach „Grundschulpädagogik“ führte sie in der zweiten Ausbildungsphase nach Hessen. Der Wechsel von einem Bundesland in ein anderes machte jedoch immer wieder zusätzliche Prüfungen nötig, damit Abschlüsse anerkannt wurden. Aber Christiane Strufe bewies ihre Kämpfernatur und stellte sich den Herausforderungen immer wieder. Eine erste Anstellung fand sie in Paderborn an der Westfälischen Schule für Blinde. Die Arbeit mit den zumeist sehr umfänglich behinderten Kindern und Jugendlichen hat sie nachhaltig beeindruckt und das Bestreben, eine menschenwürdige, lernfördernden Atmosphäre zu schaffen, sehr geprägt: „Ich war so berührt von so vielen Schicksalen und Behinderungen am Rande von Leben.“

Der Wunsch einer beruflichen Veränderung führte sie 1987 eher zufällig nach Wuppertal. Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin hat sie eine Ausbildung zur Trainerin im Landesinstitut in Soest absolviert und Moderatorinnen und Moderatoren für die Fortbildungsarbeit an Schulen ausgebildet. Im Jahr 2000 übernahm sie die Stelle der stellvertretenden Schulleitung, leitete nach der Pensionierung des Leiters 2011 die Schule zunächst kommissarisch und nach weiteren Prüfungen schließlich ganz. Sich durchbeißen zu müssen, immer wieder auf die Probe gestellt zu werden, prägte ihre berufliche Laufbahn: „Ich wollte nie Schulleiterin werden, ich wollte nur Schulleiterin dieser Schule sein.“

Und jetzt? Richtig vorstellbar ist der „Ruhestand“ nach so einem erfüllten Berufsleben für Christiane Strufe sicher noch nicht. Auch weil die Nachfolge noch ungeklärt ist. „Ich werde euch vermissen, die Schule, die Kinder, euch alle als Personen – vielleicht auch so ein bisschen die Rhythmisierung. Aber ich freue mich darauf, Zeit für mich zu haben“, sagt sie. Wenn Reisen wieder möglich sind, wird sie mit ihrem Mann unterwegs sein und auch ihren Sohn in Regensburg öfter besuchen können.

Strufe: „Morgens aufzustehen und mich zu fragen: Was mach ich mit diesem Tag? Im Moment ist der Gedanke wunderbar, aber vielleicht wird das auch mal eine große Herausforderung werden. Ich habe mein ganzes Leben gearbeitet und mich immer für irgendetwas engagiert – das werde ich vermutlich auch irgendwann wieder tun, aber jetzt freue ich mich auf Zeit für mich.“ Dass sie „ihre“ Schule hin und wieder besuchen wird, steht außer Frage – und sei es beim nächsten Basar.