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Janet Kinnert zum Weltfrauentag 2019.

Bloggerin Janet Kinnert zum Weltfrauentag : „Veränderung lebt von Reibung“

Janet Kinnert schreibt auf ihrem Blog „Sans Mots“ über Philosophie, Feminismus und schlechte Annäherungsversuche. Zum Weltfrauentag zählt die 25-jährige Philosophie-Studentin in einem Blog-Post 18 Dinge auf, die sie sich zu dem Tag lieber wünschen würde als von einem Politiker Blumen in die Hand gedrückt zu bekommen und erklärt, warum wir Feminismus (immer noch) brauchen.

Mit Rundschau-Volontärin Hannah Florian diskutierte die Bloggerin bei einem Chai Latte (ihrem Lieblingsgetränk) im Café Engel über feministische Mode, sozialen Medien und Feminismus als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Mehr als einmal fiel dabei die Frage: „Janet, was denkst du über….“

… rote Rosen zum Weltfrauentag?

Frauenrechte sind kein Geschenk. Ich muss dafür nicht dankbar sein und zur Feier dieses Tages einen Prosecco bei Vapiano oder einen gratis Lippenstift geschenkt bekommen. Es macht mich wütend, wenn ich daran denke, dass der Hälfte der Menschheit grundlegende Rechte entzogen wurden. Ich wünsche mir die Einsicht, dass es nach wie vor Ungleichheiten gibt. Denken wir nur an den Gender Pay Gap, Repräsentanz in Parlamenten oder die Diskussion um den §219a, der die Informationsfreiheit zu Schwangerschaftsabbrüchen verbietet.

… T-Shirts von H&M mit dem Aufdruck „Girl Power“?

Viele junge Frauen entdecken Feminismus neu und nutzen ihn auch. Oberflächlich ist das sehr gut. Ich traue dem zwölfjährigen Mädchen, das sich bei H&M ein „Girl-Power“ T-Shirt holt, durchaus zu, dass es sich auch denkt: „Cool, Mädchen voran. Das ist etwas Gutes.“ Auf einer tieferen Ebene sehe ich manches davon aber problematisch. H&M oder Primark nutzen Feminismus mit einem Marketing-Kalkül und instrumentalisieren feministische Mode, während sie gleichzeitig Näherinnen in Dritte-Welt-Ländern ausbeuten. Das gibt mir ein ungutes Gefühl.

…. die Notwendigkeit des Weltfrauentages?

Der Tag ist notwendig, so lange es ans Geschlecht gebundene Probleme und Ungleichheiten gibt. Und dass es die gibt, kann keiner leugnen. Wenn mir an diesem Tag plötzlich Politiker, die sich sonst nie für die Belange von Frauen einsetzen, eine Rose schenken, finde ich das absurd. Es ist eine leere Geste. Viel wichtiger als Blümchen: Die öffentliche Diskussion und die Frage, was noch zu tun ist. Wir sind weit gekommen, aber wir sind noch nicht fertig.

... Feminismus, Häuslichkeit, Heim und Herd?

So lange sich Frauen aus freiem Willen dazu entscheiden, eine Familie zu gründen, zu Hause zu bleiben und sich um die Kinder zu kümmern, steht es nicht im Widerspruch zum Grundgedanken des Feminismus. Es kann eine feministische Entscheidung sein, sich mehr dem Häuslichen zuzuwenden. Wenn politische Strukturen aber einem Wiedereintritt in den Beruf entgegenstehen, ist das ein Problem.

... Väter und Elternzeit?

Ich finde schade, wie viele Männer sich noch immer oft davor scheuen, den Wunsch zu äußern, in Elternzeit zu gehen. Ich kann verstehen, dass das in manchen Branchen nicht leicht ist, aber wenn es Männern und Frauen mit der Gleichberechtigung ernst ist, sind beide in der Verantwortung, sich auch mal in unangenehme Situation zu bringen. Veränderung lebt von Reibung und Handlung, nicht von Wunschvorstellungen.

... aufdringliche Annäherungsversuche und Geschlechterdynamiken?

Männer die sagen, es braucht keinen Feminismus, meinen es oft nicht böse. Ihnen fehlt die Perspektive für das Leben als Frau. Auf der anderen Seite empfinden Frauen aufdringliche Annäherungen oft schon als normal. Im Club komisch angequatscht werden, ein Pfiff aus einer Männergruppe... Hinter diesen Situationen steckt das veraltete und falsche Bild, dass Frauen erobert werden wollen und dass man solche Grenzüberschreitungen als Komplimente deuten sollte. Ein „Nein“ heißt auch „Nein“ und nicht „Überzeug’ mich und bedräng’ mich noch mehr.“

… BH-Fotos auf Instagram?

Nacktheit, Schönheit und Sexualität sind etwas anderes als Sexismus, der die diskriminierende Ungleichbehandlung von Geschlechtern bezeichnet. Ich benutze meine Bilder auf Instagram nicht als Dekoration. Ich bin es, die spricht, als Subjekt. Es geht um mich und um Themen, die mich bewegen. Auch wenn eine Unterwäschemarke mit Frauen in BH wirbt, ist das in Ordnung. Anders ist es, wenn in einer Werbung für ein Auto nackte Frauen auf der Motorhaube sitzen. Sie werden in der Werbung instrumentalisiert und damit habe ich ein Problem.

… soziale Medien als Chance für den Feminismus?

Auf jeden Fall eine Chance! In den 60er Jahren war Feminismus eher ein Nischenprojekt, die sozialen Medien verändern das, machen es alltagstauglich und zeigen, wie normal und verbreitet der feministische Grundgedanke ist. Ich muss keinen rein feministischen Instagram-Account betreiben, kann mich aber trotzdem zu feministischen Themen äußern. Ich muss nicht dem Club der Feministinnen beitreten um zu sagen, dass ich etwas gut oder schlecht finde. Heute ist die 13-jährige Tochter meiner Cousine Feministin, wenn sie nicht anders behandelt werden möchte als die Jungs in ihrem Alter.