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Interview mit Pastoralreferent Kleine: Kontakt zur Kirche wird digital

Interview mit Pastoralreferent Werner Kleine : Der Kontakt zur Kirche wird nun auch digital

Die Internet-Plattform „Pfarrbüro24“ ist an die Öffentlichkeit gegangen. Das Erzbistum Köln hat sie in Wuppertal als Pilotprojekt gestartet. Rundschau-Redakteur Jörn Koldehoff unterhielt sich mit Pastoralreferent Dr. Werner Kleine von der Katholischen Citykirche Wuppertal darüber.

Rundschau: Was ist der Grundgedanke, der hinter www.pfarrbüro24.de steckt?

Kleine: Mit dem „Pfarrbüro24“ haben wir eine zusätzliche Möglichkeit der Erreichbarkeit der Kirche für die Menschen geschaffen, die mit der Kirche in Kontakt treten möchten, weil sie ein Kind taufen lassen oder heiraten möchten, weil sie eine Messe in einem bestimmten Anliegen oder für eine Person feiern möchten oder weil sie ein Gespräch suchen. Natürlich kann man das alles auch direkt in einem Pfarrbüro erledigen. Nun wissen viele Menschen schon heutzutage nicht unbedingt, wo ihr zuständiges Pfarrbüro ist oder es ist ihnen – aus welchen Gründen auch immer – nicht möglich, das Pfarrbüro zu den Öffnungszeiten aufzusuchen. Hier kommt das Pfarrbüro24 ins Spiel. Es ist eine Internetplattform, mit deren Hilfe man eigentlich alles machen kann, was auch in einem analogen Pfarrbüro geht. Der Clou ist, dass über die Adressenabfrage zu Beginn das jeweilige Anliegen automatisch dem zuständigen Pfarrbüro übermittelt wird. Außerdem erhalten die Userinnen und User die Information, welches Pfarrbüro zuständig ist – inklusive der Kontaktdaten. So können die Nutzerinnen und Nutzer bis zum Schluss selbst entscheiden, ob sie selbst in Kontakt mit dem zuständigen Pfarrbüro treten möchten oder ob sie kontaktiert werden wollen. Der Grundgedanke liegt also daran, auch den Menschen mit ihren Anliegen einen möglichst einfachen Zugang zur Kirche zu ermöglichen – und dazu gehört natürlich im digitalen Zeitalter eine Internetplattform.

Rundschau: Wieso wurde Wuppertal für das Pilotprojekt ausgewählt?

Kleine: Im Erzbistum Köln läuft derzeit das Zukunftsprojekt „Pastoraler Zukunftsweg“. In fünf Arbeitsfelder werden Konzepte entwickelt, wie die katholische Kirche im Erzbistum Köln gut in der Zukunft und den Menschen bei aller Notwendigkeit struktureller Maßnahmen den Menschen nahe sein kann. Dazu gehört eben auch die Idee des Pfarrbüro24. Ich selbst bin der Leiter eines der fünf Arbeitsfelder, nämlich des Arbeitsfeldes 3 „Kommunikation, Dialog, Öffentlichkeit“. Die Idee und das Konzept für das Pfarrbüro24 stammen aus meinem Arbeitsfeld. Da ich sonst hier in Wuppertal pastoral tätig bin, eben in der Katholischen Citykirche Wuppertal, lag es nahe, die erste Test- und Pilotphase hier in Wuppertal durchzuführen, weil ich so als verantwortlicher Leiter des Projektes die Rückmeldungen, aber auch die Probleme und offenen Fragen, die es bei solchen Testphasen immer gibt, unmittelbar und schnell wahrnehmen und für Lösungen sorgen kann.

Rundschau: Gibt es schon erste Reaktionen?

Kleine: Mich hat sehr überrascht, wie positiv das Projekt angenommen wurde. Natürlich gab es in den ersten Tagen sehr viele reine Test- anfragen. Die Kolleginnen und Kollegen in den Pfarrbüros haben sich mit dem System vertraut gemacht, aber auch viele Kolleginnen und Kollegen über Wuppertal hinaus haben das Pfarrbüro24 einfach ausprobiert. Es gab aber schon in den ersten Tagen Anmeldungen zur Taufe und zu Erstkommunion sowie andere ernst gemeinte Anfragen nach kirchlichen Dienstleistungen, die über das Pfarrbüro24 gestellt wurden.

Das hat mich sehr gefreut, weil es zeigt, dass da wohl ein echter Bedarf für so ein Projekt war. Besonders bemerkenswert finde ich aber, dass auch andere Bistümer schon nach wenigen Tagen Interesse an dem Projekt zeigen. So gibt es jetzt schon Bestrebungen, das Pfarrbüro24 in Saarbrücken zu implementieren, auch aus dem Ruhrgebiet gibt es erstes Interesse. Wir müssen hier aber erst einmal abwarten, wie sich das Pfarrbüro24 im Erzbistum Köln etabliert. Das Interesse ist aber jetzt schon sehr groß und positiv.

Rundschau: Sie sagen, dass, „im Vergleich zur Gegenwart, bis zum Jahr 2030 nur noch die Hälfte der pastoralen Dienste – Priester, Diakone, Pastoral- und Gemeindereferentinnen und -referenten – zur Verfügung stehen werden“. Was bedeutet das konkret für Wuppertal, auch in Zahlen?

Kleine: Die Zahlen, Daten und Fakten sind unbestechlich. Wir müssen mit ihnen umgehen. Die Kolleginnen und Kollegen im Arbeitsfeld 2 „Kirche in ihrer ganzen Breite“ im Pastoralen Zukunftsweg haben Ideen und Konzepte entwickelt, wie trotz der zurückgehenden Zahlen kirchlicher Mitarbeiter eine Seelsorge gewährleistet werden kann, die den Menschen nahe bleibt. Dass die Mitarbeiterzahlen zurückgehen, liegt übrigens daran, dass es immer weniger Bewerberinnen und Bewerber gibt. Das ist Fakt.

Man kann die neue Idee auf die Faustformel bringen: „Verwaltung zentralisieren, Pastoral dezentralisieren“. Das bedeutet ein Umdenken – auch in den Begriffen. Zukünftig wird der Begriff „Pfarrei“ zentrale und übergeordnete Verwaltungseinheiten bezeichnen, denen immer – auch kirchenrechtlich – ein Priester als Pfarrer vorstehen muss. Darunter wird es viele „Gemeinden“ als pastorale Einheiten geben, in denen vor allem Ehrenamtliche als „Teams von Verantwortlichen“ für die Pastoral Verantwortung tragen. Man muss zukünftig als zwischen „Pfarreien“ und „Gemeinden“ unterscheiden – das ist neu, werden beide Begriffe heute doch oft für dasselbe verwendet. Daran wird man sich gewöhnen müssen. In der Idee liegt aber eine große Chance, in dem die Gemeinden eben nah bei den Menschen sind. Die Kirche muss in der Nachbarschaft bleiben, die Menschen sollen sich um „ihren“ Kirchturm verammeln. Bei aller Zentralisierung der Verwaltung ist das die große Herausforderung, die Nähe zu den Menschen neu zu beleben.

Rundschau: Das heißt genau?

Kleine: Für Wuppertal heißt das in Zahlen, Daten und Fakten, dass wir zukünftig (das Ziel ist das Jahr 2030) wohl noch zwei, höchsten drei Pfarreien haben werden, dafür aber viele Gemeinden unter dem Dach dieser Pfarreien. Wenn man alleine von den Kirchorten ausgeht, die wir heute haben, könnten das also durchaus 25 bis 30 Gemeinden sein, vielleicht sogar mehr, denn in der neuen Gemeindeidee steckt viel pastorales und kreatives Potential, das nur darauf wartet, von den Gemeindemitgliedern belebt zu werden.

Rundschau: Wie sieht für Sie die katholische Kirche der Zukunft aus?

Kleine: Die Zukunft ist immer ungewiss. Aber wir sind, und das kann ich nach zwei Jahren als Leiter eines der Arbeitsfelder im Projektteam des Pastoralen Zukunftsweges sagen, gut vorbereitet. Die Ideen und Konzepte haben Potential – weit über rein strukturelle Maßnahmen hinaus. Von den über 40 Untergruppen hat sich der weitaus größere Teil mit inhaltlichen Projekten beschäftigt, die aber eben auch eine strukturelle Basis brauchen. Das eine muss zum anderen passen, wobei – und das allen Arbeitsfeldleitern wichtig – die Form dem Inhalt folgt: Form follows function! Der Inhalt, die Verkündigung der frohen Botschaft mit den Mitteln und in der Sprache der heutigen Zeit hat aber Vorrang; dem muss die Struktur folgen, wobei hier natürlich die Vorgegebenheiten zu beachten sind, die man nicht ohne Weiteres ändern kann. Dazu gehört eben auch die Erkenntnis, dass sich die Zahl derer, die hauptberuflich in der Pastoral tätig sind, bis 2030 halbieren wird. In Zukunft werden also ehrenamtliche Frauen und Männer mehr Leitungsverantwortung vor Ort haben – und damit ist eben auch Leitungskompetenz verbunden. Auch das ist ein wechselseitiges Lernen: Leiten wird für Pfarrer heißen, dass sie Entscheidungen auch abgeben können. Ehrenamtliche müssen lernen, dass sie Verantwortung tatsächlich vor Ort übernehmen. Der Lernprozess hat schon begonnen, braucht aber auf allen Seiten – das sehe ich deutlich – noch etwas Zeit. Es kommt jetzt eben auch auf jede Christin und jeden Christen an, die eigene Verantwortung nicht nur für den eigenen Glauben, sondern auch für die Verkündigung zu erkennen und zu entdecken. Da liegt das eigentliche Potential der katholischen Kirche der Zukunft. Ich sehe, dass die Konzepte, Planungen und Ideen gut und stimmig sind. Sie müssen sich jetzt in der Praxis bewähren. Wir werden sehen, was Vision und was Utopie war. Wir werden erkennen, ob wir solide Fundamente gelegt oder Luftschlösser gebaut haben. Es ist ein wenig wie bei einem Endspiel einer Fußball-WM. Noch stehen wir in der Kabine. Mit unserer Taktik werden wir Weltmeister. Die Wahrheit aber ist auf dem Platz! Ich bin gewiss, wir schaffen es – wenigstens in die Verlängerung. Und da ist alles möglich.