„Play* Europeras 1&2“: Ambitioniert, ziemlich zäh und eher dünn

„Play* Europeras 1&2“ : Ambitioniert, ziemlich zäh und eher dünn

Die Premiere von "Play* Europeras 1&2" zerlegt das Opernrepertoire in Einzelteile, aber sehr spannend ist das nicht, findet unser Autor Stefan Schmöe.

Der Komponist des Abends hat keine einzige Note dieses Stücks selbst komponiert. Vielmehr hat John Cage, als er 1985 im Auftrag der Frankfurter Oper die ersten beiden "Europeras" entwickelte, eine komplexe Spielanweisung für längst geschriebene Opernmusik entwickelt: Sänger und Instrumentalisten bekommen Fragmente aus dem Opernrepertoire zugelost, die sie streng nach Uhr (ein Dirigent wird nicht benötigt) zu bestimmten Zeitpunkten spielen — und zwar keineswegs alle dieselben Stücke. Man muss sich das so vorstellen: Ein Bass singt eine Arie aus dem "Freischütz", eine Sopranistin ungefähr gleichzeitig etwas von Mozart, trägt dazu ein Kostüm aus "Carmen" (auch Kostüme und Requisiten werden gelost), eine Geige spielt Händel, die Oboe Verdi und die Posaune Wagner. Großes Durcheinander also.

Das wirkt mitunter ziemlich lustig, aber für den Amerikaner Cage war der zersetzende Blick auf die europäische Operntradition, darauf spielt der Titel "Europeras" an, gleichzeitig der Auslöser zu ganz neuer Kreativität: Als Zuhörer in seinen Hörgewohnheiten empfindlich gestört, beginnt man, aus dem Durcheinander seine eigene Oper zu hören, indem man manche Linien deutlicher, andere weniger deutlich hört.

Dass die "Europeras" in diesem Sinn funktionieren können, war 2012 bei der Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle Bochum zu erleben. Im Fall der exakt 90-minütigen "Europera 1" (die Uhr läuft für das Publikum sichtbar mit) klappt das auch in Wuppertal ganz gut, wobei es sicher noch witziger wäre, wenn man die zufällig ausgelosten Requisiten häufiger mal konkret einer Oper zuordnen könnte. Das Künstlerkollektiv "Rimini-Protokoll", das für die Einrichtung verantwortlich ist, setzt noch eine Ebene obendrauf: Die musikalische Verwirrung soll wohl auch den politischen Zustand des Kontinents widerspiegeln. Dazu werden immer wieder Zitate zur Zukunft Europas eingeblendet, deren Herkunft man nicht kennt (was nicht weiter schlimm ist), aber vor allem auch nicht weiß, in wie weit auch diese Texte dem Zufall unterliegen.

Und noch mehr: Etliche Zuschauer finden an ihrem Platz (zufällig verteilte) Karten, die zu Mitmachaktionen auffordern. Alles ganz lustig, aber das Stück kippt dadurch in Richtung Kindertheater und gerät hart an den Rand der Banalität.

In den fünf "Europeras" von Cage vollzieht sich ein allmähliches Ausblenden: Die Besetzung wird von Stück zu Stück kleiner, und die reale Bühnenaktion geht in den Nummern 3, 4 und 5 (die in Wuppertal nicht aufgeführt werden) über in das Abspielen alter Grammophonplatten oder der Bearbeitungen für Klavier statt der "echten" Opernpartikel. In der "Europera 2" wird die Aktion auf der Bühne durch das Einblenden von Regieanweisungen ersetzt, und das Regieteam hat die Sänger an ihrem Heimatort gefilmt: Für Wuppertal steht Bariton Lucia Lucas. In der Aufführung werden auf Videowänden diese Filmfragmente gezeigt — auch hier nach dem Zufallsprinzip. Allerdings wird kaum richtig gesungen, sondern die Gesangslinien nur halblaut angedeutet, wodurch ein Klangteppich entsteht, aus dem man kaum etwas klar heraushört. Weil auch die Bilder belanglos sind, wirkt diese 45-minütige zweite "Europera" (die hier übrigens als erste gespielt wird) ziemlich zäh.

Die Musiker schlagen sich tapfer, wobei es auf den einen oder anderen Ton gar nicht ankommt. Der künstlerische Ertrag des ambitionierten Projekts bleibt aber eher dünn. Das aktuelle Europa als Spiegelbild einer in Einzelteile zerlegten Operntradition mag originell sein — aber man braucht schon viel Offenheit, damit es über den langen Abend trägt.

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