1. Kultur

Zwei neue Bücher aus Wuppertal: Kolonialismus und Kastanien

Zwei neue Bücher aus Wuppertal : Kolonialismus und Kastanien

Sie sind die beiden „großen alten Männer“ der Wuppertaler Literaturszene: Jetzt sind Hermann Schulz und Michael Zeller jeweils mit einem neuen Buch auf dem Markt.

In „Therese – das Mädchen, das mit Krokodilen spielte“ reist Hermann Schulz zurück in der Zeit. Im Jahr 1900 kommt Therese in Wuppertal zur Welt: Ihre Familie kommt aus der deutschen Kolonie Togo und ist am Kipdorf Teil einer der damals überaus beliebten Völkerschauen.

Therese wächst bei Wuppertaler Pflegeeltern auf, der Erste Weltkrieg kommt, die Togo-Familie verschwindet spurlos im vorrevolutionären Russland, während der Weimarer Republik etabliert sich Therese als Fachfrau für Kinder- und Jugendlichenerziehung.

Als die Nazis an die Macht kommen, wird Therese und ihrem Bruder, der als Jazz-Musiker arbeitet, klar, dass kein Platz mehr für schwarze Menschen in Deutschland ist.

Sie gehen zurück nach Togo – eine „Heimat“, die Therese noch nie gesehen hat.

Hermann Schulz erzählt diese wahrlich abenteuerliche Geschichte ganz leise und vor allem mit der für ihn so typischen großen Zärtlichkeit. Es gelingt ihm, über mehrere Jahrzehnte Erzählzeit niemals die Nähe zu seiner Hauptperson und ihrer Welt zu verlieren. Der Leser bliebt stets gebannt auf der Spur dieses Textes, der geradezu nach einer Verfilmung schreit.

  • Günter Pröpper (li.) mit dem ehemaligen
    Helge Lindh gratuliert Günter Pröpper : „Mit Fug und Recht eine Wuppertaler Legende“
  • Der Wuppertaler Bundestagsabgeordnete Helge Lindh.
    Bundesprogramm „Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren“ : Rund zwei Millionen Euro Förderung für Wuppertal
  • Die
    Engagementpreis NRW 2021 : Wuppertaler „Utopiastadt“ ist ausgezeichnet

Übrigens auch, weil das Ganze – man mag es kaum glauben – eine wahre (Lebens-)Geschichte ist.

dtv, Reihe Hanser, 17 Euro.

 Michael Zeller.
Michael Zeller. Foto: Ryszard Kopczynski

Michael Zeller unternimmt auch eine Reise – allerdings weniger in der Zeit als vielmehr in den Osten Europas, in die Ukraine. „Die Kastanien von Charkiw“ mit dem Untertitel „Mosaik einer Stadt“ ist das Ergebnis eines Zeller-Aufenthaltes in Charkiw auf Einladung des ukrainischen PEN. Dabei ist Charkiw (vielen mag die russische Schreibweise Charkow bekannter sein) keineswegs Neuland für Michael Zeller: Seit 1990 besuchte er schon mehrfach die Stadt, wo sein Onkel Hermann im Zweiten Weltkrieg fiel.

32 Texte sind in „Die Kastanien von Charkiw“ versammelt – und die liefern in der Tat einen sehr nahen, sehr menschlichen und sehr aufmerksam beobachtenden Blick auf eine Metropole, die für den „normalen“ Mitteleuropäer durchaus als Terra incognita bezeichnet werden darf.

Michael Zeller gelingt es, mit nachdenklicher und einfühlsamer Asso-Verlag-„Schreibe“ diese Stadt im besten Sinn des Wortes sichtbar, ja sogar spürbar zu machen. So ganz verschiedene Menschen lernt der Leser kennen, bekommt Einblick in die Situation eines Landes, das sich de facto im Krieg befindet, erfährt etwas über Nationalstolz – und kann nach der letzten Seite mit Fug und Recht sagen, ein gutes Stück „Ukraine inside“ erlebt zu haben.

Asso-Verlag, 14 Euro.