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Wuppertaler Sinfonieorchester: Große Klassik-Klänge trotz „Hechtsuppe“

CD-Aufnahme in der Kirche : Sinfonieorchester: Große Klassik-Klänge trotz „Hechtsuppe“

Das Wuppertaler Sinfonieorchester und Solist Artur Pizzaro nahmen Beethovens 4. Klavierkonzert auf CD auf. Die Rundschau war bei der ersten Probe dabei.

Zum Beethoven-Jubiläum 2020 wollte man den bedeutendsten Komponisten der westlichen Kunstmusik auch in Wuppertal besonders ehren. Nicht nur sollte beim „Beethoven Pastoral Project“ Klezmer und Sufi-Musik der „Pastorale“ gegenübergestellt werden; auch seine fünf Klavierkonzerte waren an zwei Abenden im Juni 2020 vorgesehen. Mit Artur Pizarro aus Portugal als Solisten, der 2019 in der Stadthalle sein eindrucksvolles Debüt gegeben hatte. Damit wollte man anschließend auf Tournee gehen – und etwa in Lissabon auftreten.

Große Pläne, die auf dem Altar der Corona-Pandemie geopfert werden mussten. Aber daraus entstand das Projekt, alle Klavierkonzerte auf CD aufzunehmen. Das gemeinnützige Label Odradek Records, das unabhängig von üblichen Marktfaktoren produziert, war interessiert. Es stellte dafür den modernen Bechstein-Flügel D282 mit Werksstimmer zur Verfügung. Der erste Aufnahmetermin im Januar 2021 reichte wegen Corona-Einschränkungen nur für die Klavierkonzerte 1 bis 3. Die Immanuelskirche mit ihrer auch ohne Publikum legendären Akustik erwies sich für dieses Projekt als sehr gut geeignet. Bei zunehmenden Infektionszahlen lag das Projekt nach dem Abbruch der Aufnahmen dann erst einmal auf Eis.

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Am 14. März aber galt Portugal plötzlich nicht mehr als Risikogebiet, so dass für den Pianisten die Reisebeschränkungen wegfielen. Sofort liefen die Telefone heiß: Immanuelskirche, Flugkarten für den Pianisten (aus Portugal) wie für den Klavierstimmer aus Berlin wurden gebucht und der Toningenieur „alarmiert“. Das Orchester war bereits schon in der Woche zuvor wegen Aufnahmen für ein Streaming-Sinfoniekonzert aus der Kurzarbeit geholt worden.

Also konnte am 21. März die erste Probe unter den ausgeklügelten Bedingungen der aktuellen Coronaschutzverordnung stattfinden. Zu den Proben werden alle Bläser, die Dirigentin und der Solist alle 48 Stunden getestet. Neun erste, sechs zweite Geigen, vier Violoncelli und vier Bratschen, zwei Kontrabässe sitzen unter den zahlreichen Aufnahmemikrophonen auf gehörigem Zwei-Meter-Abstand immer mit Mund-Nasen-Schutz, dahinter Holz- und Blechbläser ohne – wie auch Dirigentin und Solist. Und ganz hinten thront der Schlagzeuger über seinen Barockpauken vor rotem Tuch, welches „vom Himmel“ herabhängt.

Der Solist fingert sich auf dem Flügel ein, die Musikerinnen und Musiker auf ihren Instrumenten: Da erscheint die Generalmusikdirektorin, kündigt an „Bitte 4. Klavierkonzert, 3. Satz“, hebt den Stab und beginnt. Nach wenigen Takten bricht sie schon wieder ab, möchte die Phrase von den Violinen noch lebhafter, organischer hören, bittet darum mit ausgebreiteten Armen und tiefer Verbeugung. Beim dritten Durchgang ist sie endlich zufrieden.

Plötzlich läuft der Konzertmeister hinaus: „Es zieht wie Hechtsuppe. Ich wollte nur schauen, ob die Türen geschlossen sind“, erklärt er der überraschten Dirigentin. Höchst konzentriert wird in der nächsten Stunde der ganze Satz nahezu Takt für Takt durchgearbeitet. Die Kommunikation gelingt trotz des ungewohnten Abstands, und aus den Augen des Pianisten funkeln Zufriedenheit und Humor.

Bei dieser ersten Probe nimmt der Tonmeister – er sitzt in der ehemaligen Sakristei – noch nicht systematisch auf, sondern testet seine Mischpulte und regelt die Mikrophone ein. In dieser Weise wird zweimal drei Stunden pro Tag, fünf Tage lang geprobt. Aus den so genannten Tracks, von denen es zahlreiche geben wird, kann der Tonmeister endlich die Musik so zusammenschneiden, wie sie auf der CD zu hören sein wird. Ihr Genuss im Wohnzimmer ist also mit dem sinnlichen Konzerterlebnis im Saal nicht zu vergleichen.

Mit diesen Aufnahmen verabschiedet sich nach fünf Jahren Julia Jones aus Wuppertal. Ein echtes Abschiedskonzert in der Stadthalle wünschen sich alle. Ob Corona das zulässt?