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Wuppertaler Schauspiel mit einem echten Tabuthema

Wuppertaler Schauspiel : Schwer, leicht – und mutig

Suizid – das ist (und bleibt?) ein echtes Tabuthema. Suizid bei Jugendlichen erst recht. Auf eigenwillige Weise geht „norway.today“ aus der Feder von Igor Bauersima damit um.

Das Wuppertaler Schauspiel zeigt im Theater am Engelsgarten eine 70-Minuten-Inszenierung von Hannah Frauenrath, in der sich auf karg möblierter Bühne (Sarah Prinz) die erst 19 Jahre alten Julie und August begegnen. Es ist, wenn man so will, ihr erstes Date. Doch es geht um etwas ganz anderes. Julie und August haben sich im Netz verabredet, um gemeinsam aus dem Leben, dessen sie überdrüssig sind, zu scheiden.

Das klingt nach echtem Schwerlast-Stoff. Ist es ja auch. Wie es allerdings dem Schauspiel-Duo, das hier unterwegs ist, gelingt, das Thema anfassbar zu machen, verdient großen Applaus. Den bekommen Lotte Becker und Paul Heimel am Ende auch. Weit draußen hoch über einem norwegischen Fjord, in den es hinabzuspringen gilt, stehen sie. Eine Videokamera ist mit dabei, um alles zu dokumentieren. Konfetti regnet aus Hosentaschen auf Köpfe, mit Keyboard singt Paul Heimel eine beachtliche Version von „Summertime Sadness“ von Lana Del Rey.

Und es ist viel Raum für lange Gespräche, Zweifel, Beinahe-Rückzieher, eine intensive sozusagen virtuelle Sex-Szene. Stark verdichtete Bühnenzeit ist das – passend zur sich ebenfalls verdichtenden Lebenszeit der beiden Jugendlichen, die sich gefunden haben, um zusammen zu gehen.

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Lotte Becker und Paul Heimel halten den Spannungsbogen von Anziehung und Abstoßung, Annäherung und Rückzug, Kennenlernen und Geheimnisvoll-Sein. Ja, doch: Das ist so etwas wie ein erstes Date. Viel, was da auf der Bühne geschieht, folgt den weltweit bekannten First-Date-Regeln. Nur eben, dass der Begriff von der „gemeinsamen Zukunft“ in „norway.today“ ein ganz anders interpretierter ist.

Als Zuschauer, so ehrlich muss man sein, weiß man oft nicht so recht, wohin mit seinen Gefühlen. Nicht etwa, weil hier durchaus auch gelacht werden darf. Nein, weil man sich immer wieder fragt: Wohin geht diese Reise? Wo wird das enden?

Wenn dann am Schluss die wolkig-pixelige Bühnenrückwand umgedreht wird, Julie und August zusammen durch eine Öffnung der schmucklosen Pappe zahllose letzte Suizid-Abschiedssätze scheinbar endlos proben, aber irgendwann plötzlich Stille eintritt: Dann wird einem klar, wie das ausgegangen ist.

Zumal das Programmheftchen informiert: „norway.today“ hat einen wahren Hintergrund. Den im Internet verabredeten Doppelsuizid einer Österreicherin und eines Norwegers, die gemeinsam von einem hohen Felsen sprangen.

Es ist ein ungewöhnliches Stück Theater über ein sehr schwieriges Thema, das das Schauspiel sich hier zugetraut hat. Sehr mutig.