Evergreen: Poetry-Slam ist keine Frage des Alters

Evergreen : Poetry-Slam ist keine Frage des Alters

An "Poesieschlachten" haben auch Senioren ihre Freude. Reinhard Clement (70) tritt mit Erfolg in der Königsdisziplin der Wortjongleure an. Im Publikum sitzen dabei meist 20- bis 30-Jährige.

Ein Poetry-Slam ist ein literarischer Vortragswettbewerb, bei dem selbstgeschriebene Texte innerhalb einer bestimmten Zeit einem Publikum vorgetragen werden. Die Zuhörer küren anschließend den Sieger. Ausschlaggebend ist dabei, dass der Textvortrag durch performative Elemente und die bewusste Selbstinszenierung des Vortragenden ergänzt wird.

Diese Veranstaltungsform entstand 1986 in Chicago (USA) und verbreitete sich in den 1990er Jahren weltweit. Die deutschsprachige Slam-Szene gilt nach der englischsprachigen als die zweitgrößte der Welt. Der Ronsdorfer Reinhard Clement erklärt: "Der Poetry-Slam ist die Königsdisziplin unter den Sprachspielereien, die hohe Kunst der Wortjonglage."

Wolfgang Hogekamp von "spokenwordberlin" hat es anders ausgedrückt: "Slam ist Vision, Wahrheit, Literatur, Party. Ein Slam kann dein Leben verändern." Im Poetry-Slam kommt der Wortkünstler sich selbst und seinem Wesen auf die Spur und findet Worte und Formulierungen, die nicht nur an der Oberfläche kratzen.

"Sprache ist immer das direkteste Mittel, um sich über sich selbst bewusst zu werden", schwärmt Michael Schumacher. Er erzählt weiter: "Die Dichter müssen innerhalb einer bestimmten Zeit ihre Texte auf der Bühne präsentieren und das Publikum stimmt über den besten Text ab. Der Dichter darf keine Requisiten, Kostüme oder Musikinstrumente verwenden. Wenn der Poet das Zeitlimit überschreitet, droht ihm Punkteverlust."

Gegen den Alterstrend hat Reinhard Clement (70) Spaß am Poetry-Slam gefunden. In der Regel treten fünf bis zehn Mitstreiter gegeneinander an. Von der Vorrunde bis ins Finale werden bis zu drei Auftritte absolviert. Das Finale findet meist mit nur noch zwei oder drei Kandidaten statt. Die Wertung erfolgt vorwiegend über Stimmkarten, die einige oder alle im Publikum zur Verfügung haben. Reinhard Clement: "Es sind viele Mitstreiter dabei, die mit dem Zug quer durch Deutschland zu den Slams unterwegs sind. Es gibt Landesmeisterschaften in allen Bundesländern und deutschsprachige Meisterschaften, an denen auch Österreich und die Schweiz teilnehmen."

Der Ronsdorfer Senior siegte im Juni 2016 bei einem heimischen Poetry-Slam und landete bei vier weiteren Wettbewerben auf Platz zwei. Clement, früherer karnevalistischer Büttenredner, Schauspieler im TiC, Freund des Wortwitzes im Stile von Heinz Erhardt ("Wenn ich ein Wort spannend finde und mir eine passende Doppeldeutigkeit einfällt, mache ich eine Pointe daraus und rolle die Geschichte von hinten auf") und Ankerpartner bei "LIT.ronsdorf": "Meine Hauptmotivation ist, dass dies die einzige Möglichkeit ist, meine Gedichte auch vor jüngerem Publikum vorzutragen. In der Regel ist das Publikum zwischen 20 und 30 Jahre alt."

Der fast 60-jährige Michael Schumacher, der 2001 das Wuppertal Richtung Xanten verlassen hat, gab in den letzten beiden Jahren bei den Ronsdorfer Literaturtagen im Wohnzimmer von Sonja Jungmann und Christian Ose Kostproben seines Poetry-Slam-Talentes, überzeugte die Zuhörer aber auch mit seinen Kurzgeschichten, die in Anthologien landeten. Erste Kabarett-Texte und Auftritte reichen bis 2001 zurück. Seit 2014 ist er bei rund 200 Poetry-Slams aufgetreten. 2016 gab es einen gemeinsamen Auftritt als Trio Clement, Ralph Michael Beyer, Schumacher unter dem Titel "Drei Männer, ein Mikro" im "Underground" in Elberfeld.

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