Mit einem Tablett voller Süßigkeiten gehen Tuana und Marino über den Rathausplatz in Wuppertal-Barmen und lassen Passanten wählen, welche Tüte ihnen am wichtigsten ist: Die Toleranz-, Respekt-, Meinungsfreiheit- oder „Recht auf Bildung“-Tüte? Keine leichte Wahl. Und deshalb kommen die beiden Jugendlichen schnell ins Gespräch über die Grundwerte der Demokratie. Denn damit beschäftigen sie sich schon lange.
„Frei zu sein, wählen gehen zu können und ein Recht auf Bildung zu haben ist nicht selbstverständlich“, betont der 17-jährige Marino. Er ist erst vor sechs Jahren mit seinen Eltern, die aus Albanien stammen, nach Deutschland gekommen – und dankbar für die Chancen, die er hier hat. Zusammen mit der 16-jährigen Tuana geht er aufs Johannes-Rau-Gymnasium, ist dort mit ihr als Schülersprecher und Demokratiebotschafter unterwegs.
Lauter und sichtbarer werden
Doch das war den beiden Jugendlichen nicht genug. Sie wollten über ihre Schule hinaus aktiv werden und engagieren sich deshalb im 2025 gegründeten Demokratieprojekt des ökumenischen Bildungszentrums „Krawatte“. Mit rund 40 Jugendlichen aus neun verschiedenen Nationen treffen sie sich einmal im Monat, um über Demokratie zu diskutieren und Aktionen zu planen. Dazu gehört es jetzt auch, mit dem neuen Demokratiebus der „Krawatte“ in der Stadt unterwegs zu sein und mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen.
„Viele Jugendliche interessieren sich nicht für Demokratie, weil sie das Gefühl haben, dass ihnen nicht zugehört wird“, sagt Tuana. „Deshalb müssen wir lauter und sichtbarer werden, denn es ist unsere Zukunft, um die es geht.“ Dass immer mehr junge Menschen radikale rechte oder linke Parteien wählen, Hass und Hetze im Internet, aber auch in Politik und Gesellschaft zunehmen, macht ihr Sorgen.
Respekt und das Recht auf Bildung
„Es fehlt der Respekt im Umgang und den fordere ich immer wieder ein“, betont sie. Schon von klein auf hat sie ihre Meinung vertreten und ermuntert alle Jugendlichen, sich nicht zurückzuziehen, sondern den Mund aufzumachen und sich für eine friedliche und gerechte Gesellschaft einzusetzen.
„Ich habe kurdische Wurzeln und wachse hier mit einer alleinerziehenden Mutter und zwei Geschwistern auf“, erzählt sie. „Bildung ist der Schlüssel, um aus der Armut herauszufinden, aber diese Chance haben längst nicht alle Kinder und Jugendlichen. Das spreche ich in unserer Schule, aber auch bei Veranstaltungen mit unserer Lokalpolitik immer wieder an. "
Gleichberechtigung – insbesondere für Frauen
Auch Mine, 16-jährige Schülerin an der Gesamtschule Langerfeld, ist Gleichberechtigung wichtig. Doch sie hat dabei vor allem die Mädchen im Blick. „Ich bin oft entsetzt, was sich die Jungs heutzutage herausnehmen“, sagt sie, „und wie viele Mädchen sich dagegen nicht wehren.“ Frauenrechte gehören für sie unbedingt zur Demokratie.
Mit sieben Jahren ist Mine aus der Türkei nach Wuppertal gekommen. Ihre Eltern haben im Sprachcafé der evangelischen Kirchengemeinde Heckinghausen Deutsch gelernt und Mine auf das Demokratieprojekt aufmerksam gemacht. „Ihnen sind Meinungsfreiheit, Vielfalt, Menschen- und Frauenrechte genauso wichtig wie mir“, betont sie. „All das darf in all den Krisen, die wir gerade erleben, nicht verloren gehen.“
Demokratie von klein auf
Mines Freundin Bahar, die ebenfalls aus der Türkei zugewandert ist, will Erzieherin werden und schon Kinder mit dem Thema Demokratie vertraut machen. Die 17-jährige Schülerin zeigt Kindern auf dem Rathausplatz die Marionetten, mit denen ehrenamtlich Mitarbeitende des ökumenischen Bildungszentrums regelmäßig in die Grundschulen gehen.
Auch sie spielen eine Rolle im Demokratieprojekt, das schon die Kleinsten erreichen möchte. Die Puppen sollen Kindern anschaulich machen, wie sie mitreden und Konflikte aushandeln können. „Was uns in der Krawatte gelingt – ein kreatives und friedliches Miteinander vieler Nationen und Kulturen – möchten wir raustragen in die Stadt“, erklärt die Leiterin des Bildungszentrums, Dorothee van den Borre. „Und die Jugendlichen sind dabei unsere Brückenbauer für Vielfalt und Demokratie.“