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Wuppertals SPD-Chef Köksal über Johannes Rau: „Es war ein Glücksfall“

90. Geburtstag : Köksal über Rau: „Es war ein Glücksfall“

Am Samstag (16. Januar 2021) wäre der ehemalige Bundespräsident, langjährige NRW-Ministerpräsident und Wuppertaler Ex-Oberbürgermeister Johannes Rau 90 Jahre alt geworden. Servet Köksal, Vorsitzender der Wuppertaler SPD, hat dazu eine Erklärung abgegeben. Der Wortlaut.

„Johannes Rau hat durch die Art seines jahrzehntelangen politischen Handelns und dem Ideal, das Leben der Menschen menschlicher zu machen, eine Wertschätzung der Bürgerinnen und Bürger aufgebaut, die bis heute - 15 Jahre nach seinem viel zu frühen Tod - ungebrochen anhält.

1931 in Wuppertal geboren, fand der ,überzeugte Barmer‘ erst über den Umweg der Gesamtdeutschen Volkspartei den Weg zur SPD. Dieser hatte sich Rau, wie viele Mitglieder seiner Generation, angeschlossen, weil sie sich wenige Jahre nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges nicht mit der so genannten ,Wiederbewaffnung‘ abfinden wollten. Mit seinem Einsatz in der GVP, in der sich auch der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann engagierte, wollte Rau einen Beitrag dazu leisten, die Gefahr eines weiteren Krieges auf europäischen Boden zu verhindern. Das spiegelte seine Haltung als Theologe und Pazifist wider.

Seine Heimatstadt Wuppertal, die zurecht stolz auf Johannes Rau ist, hat ihm sehr viel zu verdanken. Von 1958 an vertrat Rau Wuppertal im nordrhein-westfälischen Landtag in Düsseldorf. In seiner Eigenschaft als Minister für Wissenschaft und Forschung, der er von 1970 an war, legte er mit der Gründung von gleich fünf Gesamthochschulen und der Fernuniversität die Weichen für die Entwicklung Nordrhein-Westfalens zu einem Land mit der dichtesten Hochschullandschaft Europas.

Die Gesamthochschulen waren sowohl gesellschaftliche wie ökonomisch nachhaltige, kluge Weichenstellungen. Zum einen öffneten sie den Weg zum Hochschulstudium für breitere Bevölkerungsschichten, zum anderen leisteten sie einen entscheidenden Beitrag zum ökonomischen Strukturwandel unseres Landes, hin zu einer wissensbasierten Gesellschaft. Unsere Bergische Universität wäre ohne Johannes Rau nicht entstanden – sie ist eines der sichtbaren Vermächtnisse seiner Politik.

In seiner Eigenschaft als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen von 1978 bis 1998 hat er unser Bundesland durch die wohl schwierigste Umbruchphase ihres ökonomischen Strukturwandels geführt. In dieser Zeit, in der sehr viele Menschen ihre Arbeit in den Bergwerken, in der Stahl- oder Textilindustrie verloren haben, hat er dafür gesorgt, die schlimmsten sozialen Verwerfungen abzufedern. Als ,Landesvater‘ hat er sich mit großer Kraftanstrengung dafür eingesetzt, eine tiefgreifende soziale Spaltung unseres Landes zu verhindern.

Als Johannes Rau 1999 schließlich Bundespräsident wurde, befand sich unser Land an einem wichtigen Wendepunkt. Es galt, Realitäten nachzuvollziehen, die bereits seit Anfang der 1960er Jahre unser Land nachhaltig verändert haben, aber immer noch von einem Teil der Politik nicht anerkannt wurden. Deutschland war bereits zu Beginn des neuen Jahrtausends vielerorts ein durch Zuwanderung geprägtes Land. In seine Amtszeit fielen die einschneidenden Gesetze zur Reform des Staatsbürgerschaftsrechts sowie erste Gesetze zur Steuerung der Zuwanderung. Es war ein Glücksfall, mit Rau in dieser Zeit einen Bundespräsidenten zu haben, der den Versuchen, diese Themen politisch zu instrumentalisieren, energisch einen Riegel vorgeschoben hat.

Johannes Rau ist am 27. Januar 2006 und damit keine zwei Jahre nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundespräsidenten an den Folgen einer langen und schweren Krankheit verstorben. Die Erinnerung an diesen Menschen, der stets sehr viel mehr war als nur ein Politiker, ist nach wie vor präsent.

Johannes Raus sagte ,Versöhnen statt Spalten, den Anstand wahren, zusammenführen und den Grenzen ihren trennenden Charakter nehmen, Gräben zuschütten - bleibt meine Lebensmelodie‘. Seine Art, Politik zu machen, ist in unserer Zeit aktueller geboten denn je.“