Wuppertal: Genschers zweite Heimatstadt

Wuppertal: Genschers zweite Heimatstadt

"Wer überall zu Hause ist, ist nirgends daheim", hat der verstorbene Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher gesagt. Doch zwei Städte nahm der rastlose Politiker von diesem russischen Sprichwort aus: Seine Geburtsstadt Halle und Wuppertal.

Eigentlich hatte ihn der Zufall ins Bergische Land verschlagen. Auf der Suche nach einem Bundestagswahlkreis hatte ihn Parteifreund Willi Weyer 1965 nach Wuppertal vermittelt. Der langjährige Landesminister war hier drei Jahre lang Sportdezernent gewesen. Genscher holte auf Anhieb 11,1 Prozent für seine Partei, die Wuppertaler dankten ihm seine langjährige Treue: 19,2 Prozent der Erststimmen 1990 entschädigten ihn für ein mögliches FDP-Direktmandat, wäre er in Halle angetreten.

Aber in Wuppertal hatte er eine "historisch gewachsene Liberalität in der Bürgerschaft" ausgemacht. Und hier hatte er wichtige Basis-Erfahrungen für seine Außenpolitik sammlen können. "Hans Dietrich Genscher hatte immer ein offenes Ohr für unsere teils utopisch klingenden Städtepartnerschaftswünsche", sagt der ehemalige Presseamtsleiter Ernst-Andreas Ziegler.

Dass bürgerschaftliche Kontakte auf dieser Ebene die diplomatischen Bemühungen auf Bundesebene effektiv unterstützen konnten, hatte Genscher mit seinem berühmten Instinkt früh erkannt. Dabei waren ihm selbst hemdsärmelige Methoden nicht fremd: Das dicke Eis zu den tschechoslowakischen Nachbarn wurde im Engelshaus gebrochen, wo sich die Außenminister beider Länder alljährlich zu Konsultationen trafen.

Am Rande eines Termins in der Palette Röderhaus: Genscher im Gespräch mit dem Autor des Artikels (ausweislich der Brillenmode um 1986 ...). Foto: Heinz Eschmat

Das nach Pilsener Art gebraute Wicküler Bier entfaltete bei einem dieser Gespräche eine besonders entspannende Wirkung — was schließlich in den Freundschaftsvertrag mit Košice mündete, zu dessen Verhandlung Genscher den Chef-Dolmetscher des Auswärtigen Amtes zur Verfügung stellte.

Ich habe Hans Dietrich Genscher erstmalig 1984 kennen gelernt, als ich ihn einen halben Tag lang bei Wahlkampfveranstaltungen begleitete. Selbst auf dieser "Volksbühne" war ein ungemein konzentrierter Politiker zu erleben, der jedes Gegenüber ernst nahm, bei Bedarf aber auch fröhlich witzeln konnte. Wie es sich eben für einen versierten Diplomaten gehört.

Diese Professionalität zeigte sich im gleichen Maße bei verschiedenen Redaktionsbesuchen, wo eine intensive Vorbereitung mit außenpolitischen Themen unabdingbar war. Unvergessen ein Kaffeetrinken mit einer eigens bestellten blau-gelben Marzipantorte: Unser vorbereiteter Fragenkatalog war bereits mit dem Verzehr des Kuchenstücks abgearbeitet, als sich Genscher zurücklehnte: "So, dann wollen wir jetzt mal arbeiten!"

Sein Fleiß als Außenminister war ebenso legendär wie sein minimaler Schlafbedarf. Das durfte ich live mit erleben, als die 2+4-Verträge im Oktober 1990 in New York ratifiziert wurden. An Bord der Maschine arbeitete er ebenso unablässig an dem Schriftwerk wie in der folgenden Nacht im Hotel. Zwei Stunden im Bett mussten reichen, dann wurde weiter gefeilt, bis es an die feierliche Unterschriftenzeremonie mit den anderen Amtskollegen im UN-Gebäude ging. Von dort direkt zum Flughafen und "nach Hause". Nicht ohne den nächsten Tag vorzubereiten, die Journalisten über Hintergründe zu informieren — und ein paar Witze zu erzählen.

In seinen "besten Zeiten", so hieß es, begegnete sich Hans-Dietrich Genscher gelegentlich in zwei entgegenkommenden Flugzeugen selbst. Wuppertals 95-jähriger Altbürgermeister Werner Draudt erinnert sich an eine abgespeckte Version dieses Phänomens, als er selbst einen Bundestagswahlkampf leitete: "Wir fuhren im Konvoi zu einer Versammlung, als uns plötzlich der Wagen mit Genscher schon wieder entgegen kam. Er war zu einem eiligen Termin gerufen worden."

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