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Rundschau-Reportage: Eine Fahrt mit dem Tafel-Mobil: Das ärmste Gesicht der Stadt

Rundschau-Reportage: Eine Fahrt mit dem Tafel-Mobil : Das ärmste Gesicht der Stadt

Ohne die Hilfe der Tafel müssten viele Menschen in Wuppertal hungern. 1.500 Essen verteilt die Einrichtung jeden Tag. Die Armut hat viele Gesichter, wie die Fahrt mit dem Tafel-Mobil quer durch die Stadt zeigt.

Sie warten. So wie jeden Tag. Männer, Frauen, Kinder, alte und junge. Es ist fünf nach sechs, als der Tafel-Wagen am Wichlinghauser Markt hält, um Essen zu verteilen. Kaum dass sich die Türen des Transporters öffnen, drängen die Menschen ungeduldig nach vorn. Es ist kalt, sie haben Hunger und sie wollen den besten Platz, wenn die Ware verteilt wird. Man weiß ja nie, was es gibt.

"Pizza?" Der Mann Mitte 50 schaut wenig begeistert auf den Plastikteller, den Frank Hansen (Name von der Redaktion geändert) ihm anreicht. "Ja", sagt Hansen verständnisvoll, "die Küche wird momentan umgebaut, wir können nicht kochen wie sonst. So lange müssen wir improvisieren."

Der Mann nickt. Er kommt seit rund zehn Jahren zum Tafelmobil. Frührentner sei er, erzählt er. "Ich hab die Knochen kaputt, dabei hatte ich mal einen guten Job als E-Techniker, bin viel gereist." Sein Gesicht ist grau, einige Zähne fehlen, die beige Jacke hat schon bessere Zeiten gesehen, so wie er auch. Aber das ist lange her. Das Leben hat ihn längst vergessen, irgendwo in seiner Sozialwohnung in Wichlinghausen. Sein Frust darüber hat sich in Aggression verwandelt. Er will das, was ihm zusteht, nicht teilen mit Flüchtlingen. Wenigstens das ist man ihm schuldig. "Die machen nur Ärger", schimpft er.

Die drei Mitarbeiter der Tafel sind ein eingespieltes Team. Jeder Handgriff sitzt, ist längst Routine geworden. Sie engagieren sich ehrenamtlich für die Einrichtung. "Als mein Mann gestorben ist und ich in Rente ging, musste ich einfach etwas tun", erzählt Frau Egen. Dabei habe sie früher einen Bogen gemacht um solche Einrichtungen. "Berührungsängste", gesteht sie, während sie einen weiteren Karton mit Schokolade öffnet. Ein "Goodie" für die Kunden, von denen ihr einige während der Jahre ans Herz gewachsen sind. Der Wagen biegt am Berliner Platz ein.

Anstehen für ein Stück Pizza und ein Brot: Am Berliner Platz in Oberbarmen sind Alte wie Junge auf die Tafel angewiesen. Foto: André Duhme

Hier hat die Armut ein altes Gesicht. Vor allem ältere Männer sind es, die verschämt zwischen vielen Obdachlosen in der Schlange stehen. Still und höflich warten sie, bis Egen ihnen ein Brot anreicht. Ein kurzes Lächeln, während sie es in ihre Stofftasche gleiten lassen, dann eilen sie davon. Weg von der Realität, von der sie nie gedacht hatten, dass sie einmal die eigene werden würde.

Zwischen ihnen steht Jenny (Name von der Redaktion geändert). Sie ist gerade einmal 13 Jahre alt. Seit etwa drei Wochen komme sie jeden Tag her, sagt sie. Dünn, blass, die Fingernägel abgekaut mit einem Rest roter Farbe, unsicher und laut zugleich — irgendwie ein typischer Teenager, und doch ganz anders. "Wir haben momentan gar kein Geld zu Hause", berichtet sie, während sie hungrig in die nicht mehr ganz so warme Pizza beißt. "Wir haben nicht mal Brot da." Und ja, das sei schon "ziemlich hart".

Frau Adler kennt sie alle, die Schicksale der Bedürftigen, die das Angebot der Tafel in Anspruch nehmen. Seit 15 Jahren ist sie im Tafel-Team. "Viele sind richtig in Not", sagt sie. "Und es sind mehr geworden in den vergangenen Jahren." Während sie zur nächsten Station Richtung Elberfeld fahren, ist Zeit für einen kurzen Plausch mit den Kollegen. Sie sind sich einig: Viele Schicksale nehme man abends mit nach Hause, aber da ist auch dieses gute Gefühl. "Es geht nicht nur um das Essen - viele sind dankbar, dass man ein paar Worte mit ihnen wechselt."

Zwei Stationen liegen noch vor ihnen und die Sorge wächst, ob Pizza und Backwaren reichen, um auch allen etwas zu geben. "Normalerweise gibt es Eintopf, das klappt besser", erklärt Frank Hansen. Und der sei immer sehr beliebt. Rund 1.500 Essensportionen verlassen jeden Tag die Tafel-Küche, viele Stationen werden morgens, mittags und abends beliefert. Der Großumbau der Küche — es geht um Auflagen des Ordnungsamtes — erschwert den üblichen Ablauf.

Seit sieben Jahren engagiert sich Frau Egen (re.) ehrenamtlich bei der Wuppertaler Tafel. Manches Schicksal nimmt sie abends mit nach Hause — und ist doch froh, einigen Menschen helfen zu können. „Viele freuen sich, wenn man ein paar Worte mit ihnen wechselt.“ Foto: André Duhme

Als das Tafel-Mobil an der Schloßbleiche vorfährt, ist es längst dunkel. Die Menschen warten schon am Flussufer. Noch, denn wegen des Abrisses des Rinke-Hauses und dem anschließenden Bau eines Hotels muss die Tafel schon in der kommenden Woche umziehen. Vermutlich an die Ecke Schöne Gasse/Kirche am Kolk. Hier an der Schloßbleiche sind es rund 80 Menschen, die an diesem Abend auf eine warme Mahlzeit warten.

Renate Schmidt (Name von der Redaktion geändert) ist eine von ihnen. Die 67-Jährige kommt seit sieben Jahren. Anfangs sei die Scham groß gewesen, gesteht sie. "Das hat mich viel Überwindung gekostet." Aber es ging nicht anders, die Rente der früheren Altenpflegerin reicht nicht. Zwei der drei Kinder sind gestorben, sie selbst litt an Nierenkrebs, der Ex-Mann hat sie mit den Geldsorgen allein gelassen. Das Leben hat reichlich ausgeteilt.

Dass sie in ihrem Alter Essen von der Tafel braucht, um über die Runden zu kommen, sie hätte es nie gedacht. Und doch, da ist so ein rotziges "Und wenn schon", das sich in ihre Stimme legt. "Es ist verrückt, aber ich spare gerade", erzählt die patente Frau. Zu ihrem runden Geburtstag will sie nach Venedig, das war ihr Traum. "Schon als Jugendliche", lächelt sie. Den will sie sich erfüllen — komme, was will. Einmal noch will sie dem Schicksal ein gute Wendung abringen.

Es ist schon fast halb neun, als das Tafel-Mobil zur letzten Station in Barmen aufbricht. Die Leute dort warten schon. So wie jeden Tag.