Ein Besuch im Sozialkaufhaus "Vielwert": Wie teuer ist es, sich wertvoll zu fühlen?

Ein Besuch im Sozialkaufhaus "Vielwert" : Wie teuer ist es, sich wertvoll zu fühlen?

Mode ist ein Statussymbol und viel mehr noch Ausdruck von Persönlichkeit und Standing. Wie fühlt es sich an, wenn die Mittel, sich ständig neu einzukleiden, nicht gegeben sind?

Das Sozialkaufhaus der Diakonie Wuppertal lädt Menschen zum Einkaufen ein, die wenig haben. "Vielwert" liegt an der Fuchsstraße, weit außerhalb der Fußgängerzonen, in denen ich sonst meine Anziehsachen kaufe. Im Eingangsbereich stehen hübsche selbst hergestellte Dekorationsartikel, wirklich wunderschöne Kristallgläser, ein kleines aus der Mode geratenes Schränkchen und einige wertige alte Möbelstücke.

Ich gehe weiter in den Raum, in dem die Damenbekleidung hängt, hier möchte ich mir heute Anziehsachen für ein Vorstellungsgespräch oder zumindest für die Arbeit aussuchen. Und eine warme Jacke für den Winter. Wird man mir dann ansehen, dass ich Sachen aus einer Kleiderkammer trage?

Im Sozialkaufhaus hängt das, was andere nicht mehr haben wollen. Eine Winterjacke für 15 Euro, ein schöner Schal für 1 Euro. Foto: Bettina Osswald

Bei H&M ist es voller als im "Vielwert". Hier gibt es keine Stapel, keine Türme von Shirts, Longsleeves und Cardigans. Die Anziehsachen in dem großen, hellen Verkaufsraum sind sortiert. Es sind viele, mir kommt es wenig vor. Ein goldener Rock wartet auf eine Teenie-Party, ein ungetragenes strahlend-weißes Kleid könnte eine Braut im Standesamt tragen.

An Bügeln hängen viele schöne Shirts und Pullover. Manche für junge Frauen, vieles für Seniorinnen. Blusen, die mich an meine Oma erinnern und an jene alte Damen, die hierherkommen, weil ihre Rente nicht zum Leben reicht. Hier hängt das, was andere Menschen nicht mehr wollen. Ordentlich und sauber. Aussortiert und noch so okay. Der Pullover springt mir sofort ins Auge. Er ist von einer guten Marke, die sonst bei Peek & Cloppenburg im Erdgeschoss hängt, die Wolle ist wertig und die Knöpfe erinnern ein wenig an Trachtenmode.

Im Geschäft wird er irgendwann einmal 40 Euro gekostet haben. Hier, im Sozialkaufhaus, wurde er gewaschen, aufbereitet und gebügelt. 2 Euro. Der Rock, der aus mehreren Lagen beim Gehen schwingt und den ich an mir ein wenig bieder finde, gefällt den Verkäuferinnen gut: "So können Sie mit gutem Gefühl zum Vorstellungsgespräch gehen", sagen sie. Er kostet 1 Euro.

Foto: Bettina Osswald

Manche Menschen, die hier arbeiten, fühlen sich aussortiert wie die Ware, die sie nun anbieten. 15 Menschen haben hier vorläufig einen Platz gefunden, sie alle sind Teilnehmer einer Maßnahme des Jobcenters. Ihr Arbeitslosengeld wird mit einem Stundenlohn von 1,50 Euro aufgestockt. Aber deshalb sind sie nicht hier. Die Politik sagt, die Maßnahme soll sie für den ersten Arbeitstag fit machen. Silke Angenendt sagt, sie soll ihnen ein Gefühl von "ich bin wichtig" geben.

Silke Angenendt sucht heute mit mir Anziehsachen aus und später zeigt sie mir noch die Welt hinter den Verkaufsräumen. Sie arbeitet seit gut einem Jahr als Bereichsleiterin der arbeitspolitischen Maßnahmen der Diakonie. Sinnhaftes verbinden, sagt sie, das ist das Ziel hinter dem Secondhand-Betrieb und den Werkstätten, in denen ebenfalls Maßnahmen-Teilnehmer aus Holz und anderen Materialien schöne Dinge fertigen.

Für ein Bewerbungsgespräch gibt es von Kopf bis Fuß das passende Outfit für wenig Geld. Foto: Bettina Osswald

Das Kaufhaus hilft, Menschen, die hierherkommen, zum Einkaufen oder nur für einen Plausch, ein gutes Gefühl zu geben. Es hilft Menschen, die hier arbeiten, wieder in eine Tagesstruktur hineinzufinden. Und irgendwie auch den ganzen Klamotten, Spielsachen, die hierher gebracht werden und sonst wohl im Müll gelandet wären, ein zweites Leben zu geben. "Das hier ist ein sehr schöner Ort", sagt Silke Angenendt, die an schwierigen Tagen nur durch die Werkstatt zu ziehen braucht, um den Sinn wiederzufinden.

Für die Teilnehmer ist dieser geschützte Raum aber nur zeitlich begrenzt offen. Eigentlich sollen die Maßnahmen nur sechs Monate dauern, bei Bedarf werden sie verlängert. Manche schaffen den Schritt dann zurück. Für andere aber geht es nicht weiter. Sie werden in ihre oft sinnlose Welt entlassen. Wann darf ich wieder in eine Maßnahme, ist dann die Frage, die manch einen durchhalten lässt.

Die Jacke mit dem hübschen Fellkragen hätte ich mir auch im Geschäft gekauft. Ihr Innenfutter ist kuschelig. Und sie ist richtig schön dick, für einen echten Winter. Die Verkäuferin sucht mir noch einen Schal aus. Etwas Farbe, meint sie, würde passen. Der Schal kostet 1, die Jacke 15 Euro. Ich fühle mich wohl, aber ich hatte auch Glück, dass die Jacke irgendwem nicht mehr gefallen hat. Hier hängt nur das, was gespendet wird.

Ich bedanke mich für den netten Vormittag — die Mitarbeiterin sagt herzlich: "Wir danken Ihnen." Ja, das Kaufhaus "Vielwert" ist ein schöner Ort.

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