„Liberazione“: Mit Smartphone auf der Zauberinsel

„Liberazione“ : Mit Smartphone auf der Zauberinsel

In der Oper "Liberazione" gibt es tolle Barockmusik zu hören — aber Handy und App erweisen sich als ziemlich überflüssig. Das eigentliche Erlebnis bleibt analog.


Herzlich Willkommen auf der Insel der Alcina. Eine Brücke führt das Publikum vom Parkett des Opernhauses über den leeren Orchestergraben auf die Bühne — und damit direkt zu jener sagenhaften Insel, auf der die attraktive Zauberin ihre Liebhaber verführt und anschließend in Tiere, Pflanzen oder Steine verwandelt. Ihr aktueller Favorit heißt Ruggiero, und den wird die gute Fee Melissa vor dem drohenden unmenschlichen Schicksal retten — und dabei der Zauberinsel ein Ende bereiten. Womit in groben Zügen die Handlung der Oper "La liberazione di Ruggiero dall'isola d'Alcina" (Die Befreiung Ruggieros von der Insel der Alcina) von Francesca Caccini aus dem Jahr 1625 umrissen wäre.


Bevor der Zuschauer, der den Prolog zur Oper noch ganz konventionell im Parkett sitzend verfolgt, die Insel mit ihrem aus Stoffbahnen gehängten Labyrinth betritt, heißt es: Mobiltelefone bitte einschalten. Man benötigt ein Smartphone oder Tablet-PC samt der App "Liberazione". Mit dem eigens dafür im Opernhaus bereit gestellten WLAN-Netz verbunden, kann man zwischen drei Kameraeinstellungen hin- und herschalten und die verschlungenen Wege der Hauptfiguren Alcina, Ruggiero und Melissa verfolgen.


Technisch scheint das recht zuverlässig zu funktionieren und ist einfach zu bedienen. Eher enttäuschend ist allerdings, was man dann an Bildern zu sehen bekommt: Die Sänger, im Halbdunkel in irgendwelchen Posen verharrend — das liefert doch nur sehr geringen Mehrwert, und so benötigt man das Smartphone letztendlich vor allem für den dort mitlaufenden deutschen Text (gesungen wird in italienischer Sprache), was wiederum von der Bühneninstallation ablenkt. Hätte man das Textproblem anders gelöst, wäre das Smartphone weitestgehend verzichtbar.


Die Geschichte erschließt sich kaum, was auch nicht sein muss, wenn man den Abend mehr als Installation mit Musik denn als Theaterstück auffasst. Tatsächlich hat es einigen Reiz, wenn man beim Schlendern durch das dunkle Labyrinth aus Stoffbahnen plötzlich vor einem der Darsteller steht. Ungleich eindrucksvoller ist allerdings das akustische Raumerlebnis. Oft ist im ersten Moment gar nicht auszumachen, woher eine Stimme kommt, und das hat schon einige Faszination. Das eigentliche Erlebnis bleibt also analog, insbesondere dann, wenn Unmengen von Stofffetzen (Ascheregen?) vom Bühnenhimmel fallen und sich hartnäckig auf der Kleidung (und darunter) festsetzen. Die also durchaus vorhandene Wirkung des Konzepts fiele noch ungleich größer aus, wäre die "Insel" nicht so überschaubar klein.
In den rund 70 Minuten Spieldauer hat sich die Idee alsbald erschöpft, da wünscht man sich mehr zu entdeckende Räume (und zwischendurch vielleicht eine Sitzgelegenheit). Im Grunde passt eine solche Installation viel besser in eine große (Industrie-)Halle als in das kleine Wuppertaler Opernhaus.


Hinter dem etwas bemühten Event-Charakter treten weiterführende Überlegungen der Künstler — das ist das Kollektiv AGORA (Benjamin David: Regie, Anna Brunnlechner: Co-Regie sowie Valentin Köhler: Ausstattung) — bis zur Unkenntlichkeit zurück.
Auch der zeitgeistig hippe Gedanke, dass die App jedem Besucher ein total individualisiertes Opernerlebnis ermöglicht, stimmt ja nur ansatzweise, denn die Musik ist ja für alle gleich. Und die erklingt berückend schön und dominiert eindeutig. Großartig im barocken Gestus spielen die Musiker des kleinen Orchesters, auf der Hinterbühne platziert, unter der fachkundigen Leitung des auf "alte Musik" spezialisierten Dirigenten Clemens Flick. Ralitsa Ralinova ist eine herausragende Alcina mit voller, nicht zu schwerer Stimme, und auch Simon Stricker als Ruggiero, Joyce Tripiciano als Melissa und Sangmin Jeon als Neptun überzeugen. So ist "Liberazione", dem Smartphone zum Trotz, vor allem großes Hörtheater.

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