Mit Kondomen und Schneckenschleim

Mit Kondomen und Schneckenschleim

Zwischen Anfang und Gegenwart liegen rund 100 Meter — und 40 Jahre. Denn in der Hofaue bezog das Atelier- und Galerie-Kollektiv für intermediale Zusammenarbeit 1976 seine (beinahe) ersten Galerieräume und präsentiert sich in den Räumen des Neuen Kunstvereins zum Geburtstag mit der kleinen, aber feinen Ausstellung "Der lange Marsch".

"Der lange Marsch" beginnt mit zwei Gummistiefeln. Fest zementiert in zwei Betonklötzen. Mühselig sieht das aus. Aber zugleich hat das natürlich Witz. Erst recht, wenn man weiß, was dahinter steckt. "Eckehard Lowisch hat lange für Tony Cragg gearbeitet", erzählt Bodo Berheide. "Um dessen Skulpturen anzufertigen, hat er oft mit seinen Füßen knöcheltief im Wasser mit Abschleifrückständen gestanden. Mit dem Einbetonieren der Stiefel hat er mit der Arbeit dort abgeschlossen." Eine Reminiszenz also, mit einem Augenzwinkern.

Lowisch, so erzählt Bodo Berheide, sei erst ganz frisch zum Kollektiv gestoßen, das sich seit Ende November im Neuen Kunstverein präsentiert. Der Wuppertaler führt den bunten Reigen der 16 Künstler (und 13 Werke) an, die dem Kollektiv in den vergangenen 40 Jahren locker oder auch enger verbunden waren. Unter ihnen sind die in Luzern lebenden Performance-Künstler Ruedi Schill und Monika Günther ebenso wie die österreichische Künstlerin Renate Bertlmann oder die in Berlin lebende Irene Warnke. Aber natürlich auch lokale Vertreter wie Klaus Küster (Remscheid), Christian Ischebeck (Gevelsberg) sowie die Wuppertaler Georg Janthur, Peter Klassen, Holger Bär, Krzystof Juretko und — natürlich auch Bodo Berheide.

Der Beuys-Schüler war 1976 Mitbegründer des "Nordstadt Galerie Kollektivs", das seine erste Ausstellung in der Elberfelder Nordstadt durchführte und später in die Hofaue umzog. Zum festen Kern gehörten damals rund zehn Leute, doch habe man sich stets als offener Verbund verstanden. "Das war schon ein bunter Haufen", erinnert sich Berheide."

Und dieser "bunte Haufen" hat die Stadt immer mal wieder kreativ aufgemischt. Etwa mit einer Baustellen-Performance, bei der das Kollektiv kurzerhand die Bürgersteige der B7 abgesperrt hatte. "Die Absperrung stand noch Monate später", lacht Bodo Berheide. Ein anderes Mal forderten sie in einer offiziellen Pressekonferenz die Einführung einer U-Bahn für Wuppertal oder initiierten ein "Grenzzaun-Mikado". Aber natürlich sorgten die Künstler auch für Kunst. Etwa beim Dada-Festival 1976 in der "Börse" am Viehhof. "Die Idee war damals, alle gleichzeitig auf die Bühne zu holen: Tänzer, Musiker, Künstler — es war irre", blickt Berheide vergnügt zurück.

Von all diesen wunderbaren Episoden erzählt übrigens der umfassende und liebevoll zusammengestellte gleichnamige Bildband "Der lange Marsch". Die Ausstellung, die noch bis Ende Januar zu sehen ist, hingegen will weniger zurückblicken, erhebt erst recht keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist einfach ein bunter Gang durch die Zeit und die Vielfalt der dem Atelier- und Galerie-Kollektiv zugehörigen Künstler. Jedem steht dabei eine quadratische Grundfläche von einem Quadratmeter zur Verfügung.

Zu bestaunen gibt es beispielsweise entsprechend präpariertes Fotopapier, auf dem Schnecken drüber gekrochen sind — und deren Schleim zu chemischer Reaktion geführt hat. Es gibt eine Blumenwiese, auf der Kondome liegen, und eine Bausch-Tänzerin schaut aus einem goldenen Käfig. Eine schöne Schau zum Vierzigsten.

Mehr von Wuppertaler Rundschau