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Prozess: Millionen-Beute mit Panzerfaust

Prozess : Millionen-Beute mit Panzerfaust

Als ein SEK im September 2017 gegen sieben Mitglieder einer Bande aktiv wurde, fand man in einer Wuppertaler Garage Sturmgewehre, Pumpguns und eine Panzerfaust. Die dabei Verhafteten sitzen seither in Untersuchungshaft.

Vor dem Landgericht Hagen geht es jetzt in 38 Verhandlungstagen um eine über 20 Jahre anhaltende Raubserie. Hauptangeklagter ist ein 49-jähriger Wuppertaler.

Laut Anklage stellt sich der Fall so dar: Wie man mit Sturmgewehren umgeht, hatte der Mann bei der Bundeswehr, wo er Elektriker war, gelernt. Um nicht aus der Übung zu kommen, suchte er ein Schlupfloch durch den Zaun auf das hiesige Militärgelände. Und weil man ja für alles irgendein Papier braucht, machte er auch noch den Waffenschein in einem Schießsportverein. Dann schritt der Mann gemeinsam mit sechs Kompagnons und in wechselnder Besetzung zur Tat.

Erstmals schlug die Bande im Juni 1997 in Langenfeld zu. Während der Einkaufszeit eines "Allkauf"-Supermarktes wurde am Hintereingang ein Geldtransporter ausgeraubt. Die Beute: 1,2 Millionen Mark. Es folgten über zwei Jahrzehnte hinweg 15 Überfälle nach dem gleichen Muster, die man zwischenzeitlich sogar der RAF zur Last legen wollte.

Auch Rudi Cerne hatte sich bei "Aktenzeichen XY ungelöst" auf die Suche nach den Tätern begeben, die erschreckend kompromisslos vorgegangen waren. Rücksichtsloser Auftritt, bis an die Zähne bewaffnet mit militärischen Schnellfeuerwaffen: Angefangen bei der Kalaschnikow AK74, belgischen FN-Gewehren bis hin zu einer Panzerfaust oder Panzerfaust-Attrappe aus russischen Beständen zur Bedrohung der Geldtransporterfahrer.

Alle Überfälle wurden monatelang geplant und im Ablauf festgelegt. Der jeweilige Geldtransporter wurde nach der Übernahme von Geldkassetten bei der Bank oder dem Supermarkt in unmittelbarer Nähe mit gestohlenen Fahrzeugen zum Halten gezwungen — die Fahrer der Geldtransporter mit den Waffen sowie zum Teil auch mit Warnschüssen bedroht und zum Öffnen ihrer Fahrzeuge gezwungen. Der Respekt vor der Panzerfaust war in vielen Fällen enorm. Zuweilen vereitelte jedoch die Sicherheitstechnik der Fahrzeuge den Zugang zum Innenraum der Geldtransporter — was die Räuber ohne Beute abziehen ließ..

Geschossen wurde bei den Überfällen auch — hauptsächlich auf die Reifen, die Panzerverglasung der Fahrzeuge und die Motoren, um die Flucht zu vereiteln. Außer leichten Verletzungen kamen die Angegriffenen und die Zeugen mit dem Schrecken davon.

Skurril verlief 2011 ein Überfall auf die "Metro" in Neuss: Die Schiebetür des Transporters fiel durch die Gewaltanwendung auf die Straße, die inneren Türen zu den Wertabteilen waren blockiert. Erst durch das Wiedereinsetzen der Tür ließ sich die Blockade beseitigen — und dann eine Beute von 1,18 Millionen Euro ins Fluchtfahrzeug werfen.

Der vermeintliche "Kopf der Bande", der bis zur Verhaftung im vergangenen Herbst in Wuppertal wohnte, schien jedenfalls genug Zeit zur Planung gehabt zu haben. "Die berufliche Arbeitsbelastung hielt sich in Grenzen", wie es sein Anwalt formulierte. Richtig genau wurde bei der Truppe wohl ohnehin nichts nachgeprüft. Anders ließe sich jedenfalls nicht erklären, dass weder der stetig steigende Kokainkonsum, noch die angebliche Spielsucht oder der heftige Alkoholgenuss aufgefallen waren. Der Geldbedarf überschritt bei weitem das Monatsgehalt und führte zu einer bemerkenswert lang andauernden kriminellen Karriere.

Bei einem einmaligen Überfall, wie ursprünglich beabsichtigt, blieb es jedenfalls nicht. Der Erfolg beflügelte neue Planungen — außerdem waren selbst die hohen Beutesummen durch den Lebenswandel schnell wieder verbraucht. Insgesamt wird die Beute auf über fünf Millionen Euro beziffert.