"Meine erste Freundin"

"Meine erste Freundin"

Mit einer Performance aus getanzten Worten und kleinen Texten fing es an: Seit 25 Jahren ist Ingrid Stracke die "Straßen-Else".

Es war ein Schlüsselerlebnis — damals im Juli 1989, am Kasinokreisel bei der offiziellen Enthüllung des Denkmals für Else Lasker-Schüler. Im Sinne der Geehrten ein paar Worte zu sagen, das gelang Ingrid Stracke treffend: Der oft als Schmäh-Rede bezeichnete Vortrag brachte ihr den Namen "Straßen-Else" ein. Und öffnete das Tor zu einem Leben, das ähnlich einer Performance den Geist der Else ständig neu belebt.

Irgendwie ist der Vater von Ingrid Stracke daran nicht unschuldig: Als sie 1962, mit 24, das beschauliche Klein- städtchen Mayen in der Eifel verlässt und ihrem Mann Friedhelm beim Aufbau einer Existenz mit seiner Dachdecker-Firma in Wuppertal zur Seite steht, gibt der Vater ihr den Tipp: "Wenn Du in der Schwebebahnstadt bist, lies die Werke von Else-Lasker-Schüler." Das tut sie, nebenbei. Denn Ehefrau und Mutter von drei Kindern — da bleibt nur wenig Zeit.

Und doch entdeckt sie die geistige Schwester: "Else Lasker-Schüler wurde die erste Freundin in Wuppertal für mich", sagt Ingrid Stracke rückblickend. Als der Nachwuchs flügge ist, startet die ehemalige Personalsachbearbeiterin des Bundesamtes für Wehrtechnik durch in ein neues Leben. Sie schreibt Lyrik, besucht die Schreibwerkstatt von Jo Mikovich (†), verändert ihr Outfit. Das Kopftuch mit wechselnden Motiven als Markenzeichen, daran müssen sich auch Schüler und Kollegium mehrerer Wuppertaler Schulen gewöhnen, in denen sie als Sekretärin arbeitet. Und daran, dass sie mit dem Tretroller zur Arbeit kommt, gerne tanzt, mit nachdenklichen Texten verblüfft. Sie erregt Aufsehen, hat durchaus Erfolg. Veröffentlicht Gedichtbände, hält Workshops, besucht Schulen und tritt bei öffentlichen Anlässen auf.

Auch heute noch, mit 76, immer noch mit einer stets selben Intention. Die bürgerliche Fassade zu demaskieren, die Verlogenheit des Systems zu entlarven und den Menschen auf das zu reduzieren, was er ist: einer unter vielen, wobei die vielen ohne den einen nicht vollständig sind ...

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