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Faszination Tipp-Kick: Torschuss auf K(n)opfdruck

Bergische Transfergeschichten : Faszination Tipp-Kick: Torschuss auf K(n)opfdruck

In der Reihe „Jahr100Wissen“ beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Bergischen Universität mit Ereignissen, die 100 Jahre zurückliegen und von besonderer Bedeutung für die Gesellschaft waren. Ein „Jahr100Wissen“-Interview mit Sportwissenschaftler Prof. Dr. Eckart Balz über das generationenübergreifende Gesellschaftsspiel „Tipp-Kick“, bei dem es darum geht, mit einer Figur, deren Fuß sich auf Knopfdruck am Kopf bewegen lässt, einen zweifarbigen Fußball in ein Tor zu schießen.

Der Möbelfabrikant Carl Mayer meldete das Spiel Tipp-Kick am 15. September 1921 zum Patent an. Um welches Spiel handelte es sich dabei?

Balz: „Tipp-Kick ist ein echter Klassiker. Ich habe auch eigene Spielerfahrungen damit. Das ist über Generationen hinweg ein Familienspiel, das ich früher mit meinem Bruder und auch mit unseren Kindern gespielt habe. An der Uni Bielefeld, wo ich gearbeitet habe, war es sogar in der Sportwissenschaft ein Kultspiel, das auf Exkursionen immer zum Einsatz kam. Aus sportpädagogischer Sicht würde ich sagen, es ist so etwas wie Fußball im Kleinen: Hier wird der große Fußballsport nachempfunden und zwar im Format eines Gesellschaftsspiels.“

Der Exportkaufmann Edwin Mieg erwarb die Rechte 1924 und machte einen Verkaufsschlager daraus. Ein zweiter Boom setzte dann nach der gewonnenen WM 1954 ein, nach der der Torwart des Spiels in Anlehnung an „den Fußballgott“ Anton „Toni“ Turek den Namen „Turek“ erhielt. Der Ball in diesem Spiel ist aber nicht rund. Warum?

Balz: „Ja (lacht), der Ball im Fußballsport ist rund, weil rollend um ihn gekämpft wird und zwar einmal rein körperlich in Zweikämpfen, aber auch taktisch mit dem besseren System. Das ist natürlich bei einem nachgeahmten Spiel, wo in diesem Fall Bleifiguren aufeinandertreffen, schwer möglich. Deswegen ist als ergänzende Idee dieser zwölfeckige Ball dazugekommen, mit dem man eine andere Lösung gefunden hat.

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Es ist ein halbierter Ball, der auf der einen Seite schwarz und auf der anderen Seite weiß ist, und durch die jeweilige Art, wie er rollt und liegen bleibt, entscheidet, wer am Zug ist. Das wird nicht über den Zweikampf oder über eine Mannschaftstaktik entschieden, sondern über den Zufall. Und das macht es interessant.

So rückt beim Tipp-Kick etwas in den Vordergrund, was beim normalen Fußballsport nicht eine so große Bedeutung hat, nämlich der Faktor Zufall, Glück oder Pech. Natürlich habe ich den im Fußballsport auch, wenn der Ball unter die Latte geht oder auf die Linie springt und nicht reingeht, das ist nicht steuerbar.

Aber hier ist über das Rollen des Balls, wenn ich ihn in eine gute Position schieße, und er dann doch nicht auf meiner Farbe zu liegen kommt, ein Zufallsfaktor dabei, den ich nie planen kann. Dadurch gewinnt das Überraschungsmoment an Bedeutung. Das ist etwas, was Menschen immer fasziniert hat, und daher wird das Spiel auch bis heute gekauft.“

Die Figuren wurden im Laufe der Jahre zu präzisen Kickern entwickelt.

Balz: „Es ist interessant zu sehen, wie sich die heutigen Spielfiguren, nicht nur vom Material, Blech/Blei, sondern auch von der Art und Weise, wie der Fuß geformt ist, weiterentwickelt haben. Das kennen wir ja in allen Bereichen des Sports, Ausdifferenzierungsprozesse, und die findet man auch beim Tipp-Kick.

Da ist der Fuß nicht rund, sondern so fein glatt, da kann man dann besser mit lupfen. Zudem ist er stabiler, sodass man auch noch strammer damit schießen kann. Es wird immer nur eine Figur benutzt, aber die kann man auch austauschen, je nachdem, welcher Schuss ansteht. Die Schusstechniken sind mittlerweile fantastisch ausgefeilt und führen dann auch manchmal zu spektakulären Torerfolgen.“

Tipp-Kick wird nach dem Vorbild des originalen Fußballs in Ligen gespielt. Seit 1959 werden alle zwei Jahre Deutsche Einzelmeisterschaften veranstaltet und seit der Frauenfußball-WM 2011 gibt es auch weibliche Figuren. Was ist so faszinierend an diesem Fingerfußball?

Balz: „Insgesamt wird Sport als ein Faszinosum unserer Zeit bezeichnet, und wir in der Sportwissenschaft halten ihn für einen gesellschaftlich wichtigen Teilbereich. Das Faszinierende besteht sicherlich darin, dass anders als im gesellschaftlichen Leben das psychisch Beanspruchende etwas in den Hintergrund rückt und das physisch Beanspruchende in den Vordergrund. Man kann sich austoben, spielen, sozusagen die alltäglichen Belange vergessen und ganz im Spiel aufgehen.

Das kann man hier im Kleinen beim Tipp-Kick auch. Es ist das verkleinerte Abbild des großen Fußballsports, wo man alles herum vergisst und nur noch im Spiel aufgeht. Wenn das nicht so wäre, dann hätten sich nicht mittlerweile 40 Vereine, eine Bundesliga und ein deutscher Tipp-Kick-Verband gegründet. Durch Vereins- und Verbandswesen ist dieses Gesellschaftsspiel entsprechend strukturiert und organisiert worden.

Wir nutzen es im Übrigen auch für die Spielvermittlung in der Universität. Wir haben ein Spiel entwickelt, dass wir Blite-Ball nennen, also Black- & White-Ball, ein größerer Schaumstoffball, der genauso aussieht wie der Tipp-Kick-Ball, nur die Größe von einem Fußball hat. Gerade in heterogenen Gruppen kann man auch mit Blick auf den Master of Education für die Schule eben nicht einfach nur Fußball spielen lassen, sondern muss das Fußballspiel so verändern, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler teilhaben können.

Da wird auch gegebenenfalls nicht mehr auf ein Tor, sondern über eine Grundlinie gespielt und es darf nur derjenige weiterspielen, dessen Farbe nach oben zeigt. Dadurch haben wir Tipp-Kick sozusagen re-adaptiert und wieder zurück in die Halle gebracht. Es kann wieder in Bewegung übersetzt und selber nachgespielt werden und das ist durchaus sinnvoll auch im Schulkontext.“