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Bergische Transfergeschichten: Grenzen eines Studienfachs überwinden

Bergische Transfergeschichten : Die Grenzen eines Studienfachs überwinden

Wissenschaftliche Forschung und Entwicklung, der Erkenntnisgewinn und das neu generierte Wissen sind kein Selbstzweck, sondern dienen der Weiterentwicklung unserer Gesellschaft. Eine zentrale Bedeutung hat dabei der Transfer der Ergebnisse in die Öffentlichkeit, Wirtschaft, Politik und sozialen Institutionen. Mit den „Bergischen Transfergeschichten“ zeigt die Bergische Universität beispielhaft, wie sich Forscherinnen und Forscher mit ihrer Arbeit in die Region einbringen, mit anderen Partnern vernetzen und die Gesellschaft so aktiv mitgestalten.

Als Studium generale werden heute alle nicht obligatorischen, öffentlichen Lehrveranstaltungen einer Hochschule bezeichnet, die eine umfassende Allgemeinbildung fördern. Das war jedoch nicht immer so. Die Wuppertaler Erziehungswissenschaftlerin und Philosophin Prof. Dr. Rita Casale beschäftigt sich seit langem mit diesem Hochschulangebot, dessen transformierender Idee sowie der gesellschaftlichen Funktion der Universität.

„In der Geschichte der Universität, gab es seit dem Mittelalter keine Phase, wo es das Studium generale nicht gab“, sagt sie. „Im Mittelalter war es sogar für alle verpflichtend.“ Jeder Studiosus, der irgendwann einmal in die qualifizierenden Fakultäten Theologie, Jura oder Medizin wollte, musste das Studium generale voranstellen.

Spätestens seit Wilhelm von Humboldts Gründung der Berliner Universität 1809 wird es in Anlehnung eines Textes von Immanuel Kant (Der Streit der Fakultäten) als das Studium des Streites der Fakultäten verstanden. Dazu Casale: „Die Studierenden sollten in der Lage sein, das Verhältnis der Fakultäten zu verstehen. Das Studium generale sollte befähigen, den inneren Zusammenhang der Fakultäten zu begreifen.“

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Zurück zum Mittelalter

Bei ihren Untersuchungen fiel der Wissenschaftlerin auf, dass wir uns heute eher wieder auf der mittelalterlichen Vorstellung eines Studium generales befinden, denn es werde wieder eher als eine Orientierungshilfe zur Vorbereitung eines „richtigen“ Studiums verstanden. „An der Bergischen Universität wird das im Optionalbereich angeboten“, erklärt sie, „das bedeutet, es hat einen Vertiefungscharakter, aber damit bin ich nicht ganz glücklich.“

Bildungsangebote für die Zivilgesellschaft

In Kooperation mit dem Zentrum für Weiterbildung unter der Leitung von Prof. Dr. Gabriele Molzberger und mit Dr. Catrin Dingler hat Casale ein Format entwickelt, dass sie unter dem Label ,Die Universität geht in die Stadt` fasst. Mit Veranstaltungen in Cafés oder am Mirker Bahnhof hat dieses Angebot auch bei der Zivilgesellschaft eine große Resonanz erfahren, so dass sie weiß, dass Bedarf da ist. Diesen Bedarf würde sie auch gerne in Zusammenarbeit mit der Universitätstransferstelle ausbauen und ein Konzept entwickeln, welches all diese Veranstaltungen zusammenfasst.

Die Grenze eines Fachs überwinden

Ihre eigene Vorstellung eines Studium generales sieht allerdings anders aus. „Mein Verständnis dabei ist, und das würde ich auch gerne in Wuppertal implementieren, eines, dass nach der fachlichen Ausbildung stattfindet. Das heißt, das Studium generale entsteht aus dem Bewusstsein der Grenze eines Faches.“ Wenn man in seinem eigenen Fach merke, dass man bei bestimmten Fragen an eine Grenze gelange, müsse man nach Kooperationen suchen. „Das ist Interdisziplinarität auf einem ganz anderen Niveau. Das würde auch eine stärkere Kooperation in der Forschung erlauben“, sagt sie bestimmt.

Phasen der Universitätsgeschichte steuern das Angebot

Dass sich das Studium generale an der Zeit und den bestehenden Bedürfnissen orientiert, konnte Casale in ihren Untersuchungen auch an den veränderten Veranstaltungsangeboten feststellen. „Wir haben vier Phasen der gegenwärtigen Universitätsgeschichte unterschieden, in denen sich auch die Formate des Studium generale verändert haben“, erklärt sie.

In die Zeit unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg bis 1964 finde eine Restauration des Alten statt. Man knüpfe direkt an die Tradition vor dem Nationalsozialismus an. Dann folge die Zeit des Ausbaus und der Demokratisierung der Universitäten von 1964 bis 1977, in der auch die wichtige Phase der Gründung der Volluniversität stattfinde. 1977 bis 1993 setze man sich mit der Massenuniversität auseinander. Die Zeit schließlich nach der Bolognareform 1993 bis heute beschäftige sich mit der Reaktion auf die Herausforderungen der Massenuniversität. „In diesen vier Phasen verändern sich die Veranstaltungen.“

Das liege zum einen an den neuen Themen, die behandelt würden, aber auch an der Vormachtstellung einiger Fächer. Man müsse nachvollziehen, wer in den jeweiligen Phasen für das Angebot des Studium generale verantwortlich war. Nach 1945 wurden beispielsweise die Rechtsgeschichte und auch die Wissenschaftsgeschichte neu erarbeitet und anders als früher angeboten. „Dann hat die Soziologie eine große Bedeutung gehabt“, fährt sie fort, „und dann gibt es eine Phase für die Psychologie und die Wirtschaft.“

2022 wird Casale in Zusammenarbeit mit den Kolleginnen Gabriele Molzberger, Catrin Dingler und Elena Tertel dazu eine Monographie verfassen und einen Sammelband herausgeben (Vandenhoeck & Ruprecht | Böhlau), in denen man die Entwicklung noch einmal nachvollziehen kann.

Neue Wege für neue Themen

Das Studium generale entfaltet sich dabei stetig weiter und orientiert sich auch an gegenwärtigen Bedarfen. „Heute sind die Naturwissenschaften das wichtigste Thema der jungen Generation“, sagt die Wissenschaftlerin. Nach ihrer Vorstellung müssen für diese neuen Themen Räume und Formate entwickelt werden, in welchen interdisziplinäre, also fachübergreifende Gespräche möglich sind. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jedweder Fakultäten sollten ihre Expertisen einbringen dürfen und mit Studierenden und interessierten Vertretern der Zivilgesellschaft gemeinsam an neuen Formaten für die Zukunft arbeiten.