Nach Toreschluss - die Wochenendsatire Weißt du wie ich meine?

Wuppertal · Bisher waren mir eigentlich nur die sprichwörtlichen „Never Come Back Airlines“ ein Begriff. Im deutschen Außenministerium gibt es jetzt aber auch die „Gar nicht erst komm hin“-Airlines, mit der Annalena Baerbock in Abu Dhabi strandete. Das ist nicht weiter überraschend, weil ihr Flugzeug 23 Jahre alt ist.

 Annalena Baerbock, hier bei einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Laurentiusplatz, musste umbuchen ...

Annalena Baerbock, hier bei einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Laurentiusplatz, musste umbuchen ...

Foto: Wuppertaler Rundschau/Simone Bahrmann

Damit gehört es nämlich zur Generation Z, die bekanntlich sehr auf Work-Life-Balance achtet und bestimmt gar kein Verständnis dafür hat, dass Baerbock nicht im Homeoffice nach Australien, Neuseeland und Fidschi fliegen wollte. Insofern war es auch konsequent, dass sich die Maschine im Zuge der Vier-Tage-Woche geweigert hat, montags weiterzufliegen.

Apropos Homeoffice: Der Trend, zwischen großer Wäsche, Kleinkindern und Essensvorbereitungen sehr effektiv zu arbeiten, hat dazu beigetragen, dass die Deutschen immer mehr sitzen. Spitzenreiter in dieser Disziplin sind wir hier in Nordrhein-Westfalen, wo die Menschen im Schnitt 590 Minuten am Tag sitzend verbringen. Das sind fast zehn Stunden. Zieht man noch die Zeit fürs Schlafen und sonstige liegende Tätigkeiten ab, bräuchten wir im Prinzip gar keine Beine mehr.

Wäre ich 20, würde ich an „... bräuchten wir im Prinzip unsere Beine gar nicht mehr“ übrigens noch dranhängen: „... weißt du wie ich meine?“ Ohne diesen merkwürdigen Nachsatz können sich junge Menschen heute ja quasi gar nicht mehr unterhalten. Sehr schön zu besichtigen ist das in den diversen Reality-TV-Formaten. Sie wissen schon wie – pardon: was ich meine: Es geht um das Sommerhaus der Stars, die keiner kennt. First Dates – ein Tisch für zwei, die sowieso nicht zusammenpassen. Die „Bachelorette“ und ihre Nächte der Rosen mit Herren in zu kurzen Anzughosen. „Take me out“ mit 20 Frauen, die alle denselben Mann nicht wollen. Oder „Laff Island – Schlechte Flirts“ und keine Liebe. Und die ganzen anderen Sendungen, in denen Männer, deren Muskelmasse sich umgekehrt proportional zum IQ verhält, um die Gunst von Frauen mit aufgespritzten Lippen und diversen Anbauteilen aus dem chirurgischen Tuning-Katalog werben.

Überall hört man dort Gesprächsfetzen wie: „Bro, ich bin emotional voll leer, weißt du wie ich meine?“ Die konsequente Antwort darauf wäre eigentlich „Bro, ich schwör, ich weiß nicht wie du meinst, weißt du wie ich meine?“ Aber das wäre vom Nebensatzkonstrukt her wahrscheinlich schon etwas zu komplex für das Minusbrötchenpublikum von RTL plus.

Nun ist es im Prinzip nicht neu, an Sätze eine fragende Bekräftigung anzuhängen. Nur hieß das früher nicht „weißt du wie ich meine“, sondern zum Beispiel „nicht wahr?“, oder „verstehst du?“ und war insoweit grammatikalisch richtig. Wer heute noch grammatikalisch korrekt formuliert, steht aber offensichtlich unmittelbar im Verdacht, sich altersbedingt ähnlich nah am Versterben zu bewegen wie die Grammatik selbst. Deshalb macht das möglichst keiner mehr.

Das kann man auch sehr schön an einem der finalen zehn Kandidaten für das Jugendwort des Jahres 2023 ablesen. Es heißt „darf er so“ und ist durch TikTok groß geworden. Von TikTok werden Sie schon gehört haben: Es handelt sich dabei um die Kommunikationsplattform für Teenager, die auf normalem Weg nicht mehr miteinander sprechen können und nie Zeit haben, weil sie immer drei Posts gleichzeitig liken und kommentieren müssen. Das ist sehr stressig, weshalb viele Befindlichkeiten sehr kompakt und ohne Rücksicht auf den üblichen Sprachgebrauch formuliert werden müssen. So wird dann aus dem für uns durchaus noch geläufigen Erstaunensausruf „Darf der das?“ eben „darf der so“, gerne auch ohne Fragezeichen, um noch einen Tastendruck zu sparen.

Als Wuppertal diese Woche einen Autonomen zum Nachtbürgermeister machen wollte, habe ich mich übrigens auch gefragt: darf der so? Die Antwort kennen wir jetzt: Nein, darf der nicht so. Denn sonst könnten wir auch einen Reichsbürger zum Landgerichtspräsidenten machen. Wissen Sie wie ich meine?

Bis dieTage!

P.S.: Wo wir jetzt keine Striekspöen mehr haben, muss sich ja irgendjemand anders um gute Unterhaltung auf Wuppertalerisch kümmern. Deshalb lese ich am Samstag, 2. September, um 19 Uhr in der Gesamtschule Katernberg (Kruppstraße 145) ausgewählte Glossen aus der Rubrik „Lange nach Toreschluss“ vor. Besonders gute Nachricht: Ich muss dabei nicht auch noch singen, weil „Vox Vallis“ a cappella für die musikalische Begleitung sorgen. Und die sind genauso gut wie die Striekspöen. Der Eintritt ist frei, kommen Sie einfach vorbei. ..

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