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Langerfeld: Hilgershöhe-Spurensuche

Langerfeld : Hilgershöhe-Spurensuche

Von 1959 bis 1961 ist auf der Hilgershöhe ein "Europadorf", der Anne-Frank-Hof, entstanden. Margret Hahn, Vorsitzende des Bürgervereins Langerfeld: "Das waren Siedlungen, die nach einer Idee von Pater Dominique Georges Pire für politische Flüchtlinge und Vertriebene in Deutschland, Österreich und Belgien gebaut wurden.

Bis 1962 entstanden insgesamt sieben solcher Dörfer."

Pater Pire, geboren 1910, musste mit seiner Familie zu Beginn des Ersten Weltkrieges aus Belgien nach Frankreich fliehen. Erst vier Jahre später konnte die Familie in ihr total zerstörtes Haus zurückkehren. Diese frühkindliche Erfahrung prägte ihn so sehr, dass er sich später intensiv für Flüchtlinge einsetzte.

Die ersten fünf "Europadörfer" waren bereits gebaut und bezogen, als Wuppertal für die sechste Siedlung ausgewählt wurde. Die Stadt stellte gratis ein Gelände an der Caronstraße zur Verfügung. Dort fand am 31. Mai 1959 die Grundsteinlegung statt — mit 5.000 (!) Gästen. Neben Pater Pire waren viele in- und ausländische Prominente angereist, unter ihnen als Ehrengast auch Otto Frank, der Vater von Anne Frank, nach der das neue Dorf benannt werden sollte.

Die Urkunde für die Grundsteinlegung enthielt den Text: "Heute, Sonntag, 31. Mai 1959 in Wuppertal, erhebt sich aus der Erde ein neues Europadorf, unter dem Namen Anne Franks (1929—1945). Es wurde für heimatlose Ausländer mit Hilfe von Freunden aus ganz Europa erbaut, um entwurzelten Brüdern wieder ein Heim, Arbeit und Freude zu geben."

Otto Frank hatte eine Handvoll Erde aus dem KZ Bergen-Belsen, in dem seine Tochter ermordet wurde, mitgebracht. Diese Erde wurde mit in den Grundstein eingemauert. Für den Bau der Siedlung gab es große Hilfsbereitschaft und Spenden. Das Richtfest fand am 13. Juni 1960 statt, am 30. März 1961 zog die erste Familie ein.

In der Zeit danach wurden alle 20 Häuser fertiggestellt und bezogen. Es handelte sich um drei verschiedene Haustypen mit Wohnflächen zwischen 66 und 107 Quadratmetern, nicht unterkellert, mit elektrischer Beleuchtung, Gas- und Wasseranschluss und zwei Kohleöfen. Die Monatsmiete kostete 75 Mark. Voraussetzung für die Aufnahme war ein festes Arbeitsverhältnis.

Behörden und caritative Einrichtungen bemühten sich um die Integration der ausländischen Mitbürger. Es wurden Sprachunterricht, Sommerfeste und Weihnachtsbescherungen veranstaltet. Innerhalb der Bewohner aus Polen, der Tschechoslowakei, Jugoslawien, Litauen und Ungarn gab es große Verständigungsprobleme. Daher kam es verhältnismäßig selten zu gemeinsamen Veranstaltungen. Kontakte zu anderen Wuppertalern ergaben sich durch den Arbeitsplatz, die Schule oder den Kindergarten.

Danach geriet das Europadorf "Anne-Frank-Hof" sehr schnell in Vergessenheit. Nur noch kleine, an Straßenschildern aufgehängte Tafeln erinnern an den Ursprung.

2016 haben Schüler der Gesamtschule Langerfeld in einem Projekt mit dem Titel "Was haben Europadorf, Anne Frank und Flüchtlinge gemeinsam?" die Geschichte der Siedlung, das Leben Anne Franks und die Situation der heutigen Flüchtlinge untersucht und in einer beeindruckenden Ausstellung dokumentiert.

+++++ Fakten +++++

In der Gesamtschule gibt es eine Arbeitsgruppe, die nach Details sucht und eine würdige Gedenkstätte konzeptionell entwickeln will. Friederike Dabrowski (E-Mail: friederike.dabrowski@gmail.com), Fachkonferenzvorsitzende für Gesellschaftslehre: "Wir hoffen auf damalige Augenzeugen, die unsere Wissenslücken schließen können. Bitte gerne bei mir melden."