Verbesserte Erreichbarkeit Telefonseelsorge: Gemeinsam aus der Einsamkeit

Wuppertal · Immer mehr Menschen melden sich bei der Wuppertaler Telefonseelsorge, weil sie einsam sind. Damit alle die Chance auf ein Gespräch haben, verbessert die Telefonseelsorge jetzt ihre Erreichbarkeit.

Jula Heckel-Korsten leitet die Wuppertaler Telefonseelsorge.

Foto: Sabine Damaschke

Einsamkeit und Scham hängen eng zusammen. Denn wer gibt schon gerne zu, dass Freundschaften fehlen, Einladungen rar geworden sind und keiner da ist, dem man sich anvertrauen möchte? „Mit dem Gefühl der Einsamkeit geht der schmerzliche Gedanke einher, dass man nicht attraktiv genug für andere Menschen ist“, erklärt die Leiterin der Wuppertaler Telefonseelsorge, Jula Heckel-Korsten. „Deshalb fällt es so schwer, darüber zu reden.“

Doch Studien belegen schon länger, dass sich immer mehr Menschen in Deutschland einsam fühlen. Laut Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung sind es bis zu 45 Prozent. Dagegen möchte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gemeinsam mit dem Kompetenznetz Einsamkeit etwas tun und hat jetzt eine „Allianz gegen Einsamkeit“ gegründet. Mit dabei: die Telefonseelsorge.

Telefonseelsorge als KI-Tipp

„Wir sind häufig diejenigen, denen sich Menschen zuerst anvertrauen“, erklärt Jula Heckel-Korsten. Unter den rund 12.000 Anrufen, die die Wuppertaler Telefonseelsorge erhält, drehen sich über 16 Prozent der Gespräche hauptsächlich um das Thema Einsamkeit. In vielen anderen Gesprächen schwinkt es mit. Unter den Anrufenden sind zunehmend junge Menschen, die sich bei ChatGPT darüber informieren und den Tipp erhalten, bei der Telefonseelsorge anzurufen. Doch nicht immer gelingt das, weil die Leitungen häufig belegt sind. Das soll sich nun ändern.

Um möglichst vielen Menschen ein Gespräch zu ermöglichen, hat die Telefonseelsorge nun ihre Erreichbarkeit neu organisiert. Künftig soll es für alle, die anrufen, ein Gespräch am Tag geben. Ab Montag (13. Juli) ist die Leitung der Telefonseelsorge für alle einmal am Tag erreichbar. In akuten Krisen wird ein zweites Gespräch am selben Tag zur Verfügung gestellt.

„Das ist ein wichtiger Schritt, gerade im Zusammenhang mit der Allianz gegen Einsamkeit und unserer Rolle als Krisentelefon“, betont die Leiterin der Telefonseelsorge. Es gehe darum, die vorhandenen Kapazitäten so einzusetzen, dass niemand ohne Hilfe bleibe.

Einsamkeit kann krank machen

Denn Einsamkeit kann krank machen. Menschen, die darunter leiden, haben ein erhöhtes Risiko für Depressionen und suizidale Gedanken sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz. Ziel der Allianz gegen Einsamkeit ist es daher, Einsamkeit vorzubeugen, Betroffene besser zu unterstützen und das gesellschaftliche Bewusstsein für das Thema zu stärken.

In der täglichen Arbeit zeigt sich für Jula Heckel-Korsten deutlich, wie sehr Einsamkeit Menschen belasten kann. „Wir erleben oft, dass Menschen in akuten Krisen niemanden mehr haben, der zuhört, weil keine Bindung an Kirche mehr besteht und Ärztinnen und Therapeuten überlastet sind oder Wartezeiten zu lang werden.“ Die Telefonseelsorge sei dann ein Ort, „wo qualifizierte Mitarbeitende jederzeit erreichbar sind, zuhören, Beistand leisten und aushalten helfen, was allein nicht zu tragen ist“.

Urlaubszeit verstärkt Einsamkeit

In der Sommerzeit, wenn die Städte sich leeren, weil viele Menschen in den Urlaub fahren, kann sich das Gefühl der Einsamkeit noch verstärken, wie die Telefonseelsorgerin beobachtet. „Wir sind mit unseren rund 80 Ehrenamtlichen rund um die Uhr auch in der Urlaubszeit für alle da, die Unterstützung brauchen“, betont Jula Heckel-Korsten. Inzwischen ist die Telefonseelsorge über zwei Leitungen erreichbar – und ab dem 13. Juli mit dem Versprechen, dass jede und jeder Anrufer einmal am Tag die Seelsorgenden für ein Gespräch erreicht.

„Unser Ziel in den Seelsorge-Gesprächen mit einsamen Menschen ist es nicht, die Einsamkeit zu überwinden, denn das können wir nicht“, erklärt Jula Heckel-Korsten. „Aber im empathischen Zuhören kann es gelingen, das Gefühl des Versagens und Scheiterns, das Betroffene oft haben, zu hinterfragen und die Scham und Verbitterung zu lindern, die mit der Einsamkeit einhergeht.“