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Andre Bröcker: Er will zurück an die Wand

Andre Bröcker : Er will zurück an die Wand

Andre Bröcker ist von den "Wupperwänden" am Rauental 15 Meter in die Tiefe gestürzt. Genau acht Monate danach wird er sich zurück an den Ort des Geschehens wagen.

Am 15. Dezember möchte Andre Bröcker zum ersten Mal wieder klettern. Schafft er es? Um diese Frage geht es dann nicht. Es geht darum, dass er hier steht, auf seinen Füßen, die fast vollständig zertrümmert waren. Vor der Wand, von der er 15 Meter in die Tiefe stürzte. An diesem Tag werden seit dem Unfall genau acht Monate vergangen sein. Wie es sich anfühlt, wieder hier zu sein? Gut, es kribbelt schon jetzt in seinen Fingern.

Andre Bröckers Unfall machte Schlagzeilen. Es war ein Sonntag, als die Rundschau-Redaktion die Polizeimeldung über den 22-Jährigen erreichte, der an den "Wupperwänden" verunglückte, weil sich der selbst gebundene Knoten löste. An diese Meldung erinnert sich Wuppertal, seine eigene Erinnerung beginnt auf der Intensivstation. An Geräusche, eingepackte Beine, Müdigkeit, dumpfe Gefühle unter Schmerzmitteln. In seiner Krankenakte steht: beide Füße zertrümmert, bis auf die Zehen. Zwei Wirbel gebrochen, fünf weitere lädiert, eine Bandscheibe muss entfernt werden, das Becken hat eine Fraktur erlitten. Im Raum steht eine Frage: Wird er wieder laufen können?

Fünf Wochen liegt der Student im Krankenhaus. "Zwei Wochen habe ich gebraucht, um den Unfall zu akzeptieren", erzählt er. Danach beginnt er zu kämpfen. "Für das, was noch geht." Am 3. Juli geht er seine ersten Schritte, zehn Meter, ein "Wahnsinnsgefühl". Seitdem geht es, geht er, stetig voran. Er besucht den Abi-Ball seines Bruders im Rollstuhl. Und dann steht er mit den Füßen in der Nordsee und fühlt nach Monaten Krankenhaus, Bett und Reha Wasser, Weite, Freiheit.

Er beginnt die kleinen Dinge zu schätzen — und festzuhalten. Andre Bröcker entdeckt die Analog-Fotografie. Mit der alten Kamera seiner Mutter hält er Momente und Perspektiven fest, die er besonders findet. "Ich habe ein Herz für alte Dinge", sagt er.
Und für Anspruch. Jedem Bild geht ein Konzept zuvor, eine Idee. Mit sechs Bildern, die aus dem Rollstuhl heraus entstanden sind, nimmt der heute 23-Jährige am Rundschau-Fotowettbewerb #herztal2018 teil. Ob er gewonnen hat, wird er Anfang Dezember auf der Preisverleihung im Bahnhof Blo erfahren, die er ohne Rollstuhl besuchen wird. Und, wenn er gewinnen sollte, kann er auf die Bühne gehen.

In dieser Woche besuchte er für die Rundschau schon vorher den Bahnhof, in dem er zwar nicht verunglückt ist, aber in dessen Obergeschoss auch Kletterwände stehen. Es fühlt sich gut an, sagt er, hier zu sein.