Am 26. Juni in der Historischen Stadthalle Jens Söring: „Es geht um mehr als True Crime“

Wuppertal · Was macht einen Menschen böse? Eine schreckliche Tat? Der Charakter in seinen Grundfesten? Oder ist es die Geschichte, die einem Verbrechen vorausgeht? Mit dieser Frage beschäftigt sich Jens Söring seit Jahrzehnten – zunächst unfreiwillig hinter Gefängnismauern, heute auf Vortragsbühnen. Ende Juni ist Söring erstmals mit seinem aktuellen Programm in Wuppertal zu Gast.

Foto: Jens Söring

Am 26. Juni 2026 ist der 59-Jährige mit seinem Programm „Hinter der Maske des Bösen – True Crime von einem Insider“ in der Historischen Stadthalle zu sehen. Der Name Jens Söring dürfte vielen bekannt sein: Der Deutsche verbrachte 33 Jahre in Haft, nachdem er in den USA wegen eines Doppelmordes verurteilt worden war. Bis heute beteuert er seine Unschuld.

Im Mittelpunkt des aktuellen Programms steht jedoch nicht seine eigene Geschichte. Stattdessen erzählt Söring von drei Männern, mit denen er während seiner Haftzeit zusammenlebte: Einem Terroristen, der für den schwersten Anschlag vor dem 11. September verantwortlich gemacht wurde, einem Bankräuber, der hinter dem größten Überfall der Geschichte steckt, und einem Mann, der wegen Mordes verurteilt wurde, obwohl nie eine Leiche gefunden wurde.

„Die Fälle an sich sind spannend“, sagt Söring. „aber es geht um mehr als nur um True Crime. Ich lebte über Jahre hinweg mit diesen Männern zusammen und gewann Einblicke, die anderen – etwa Ermittlern, Anwälten oder Psychologen – gar nicht möglich sind.“

Dabei geht es ihm nach eigener Aussage nicht nur um spektakuläre Kriminalfälle. Vielmehr interessiert ihn die Frage, wie Menschen zu Tätern werden. Der ehemalige Häftling sieht die anhaltende Faszination von True Crime, darin, dass „wir alle (...) das Bedürfnis [haben], uns selber als gut zu sehen“. Gleichzeitig ahnten die meisten Menschen, dass sie nicht immer nur gute Gedanken und Gefühle hätten. True Crime helfe dabei, das Böse auf andere zu projizieren und dadurch die eigene „psychologische Hygiene“ wiederherzustellen.

Eine Beobachtung habe ihn während seiner Haftzeit besonders geprägt: „Alle Straftäter waren Opfer, bevor sie Täter wurden“, sagt Söring. In 33 Jahren Gefängnis habe er keinen Häftling kennengelernt, der nicht körperlichen oder sexuellen Missbrauch erlebt habe. Das entschuldige keine Verbrechen, könne aber helfen, Kriminalität besser zu verstehen.

Söring saß 33 Jahre in den USA in Haft, beteuert aber seine Unschuld

Der Abend in Wuppertal besteht aus zwei Teilen: Zunächst erzählt Söring die Geschichten seiner ehemaligen Mithäftlinge, nach einer Pause folgt eine offene Fragerunde. Und die dreht sich erfahrungsgemäß meist um ihn selbst. „Zu 95 Prozent geht es dabei um mich“, sagt er.

Sörings Name ist bis heute umstritten. Der Deutsche wurde 1990 in den USA zu zweimal lebenslanger Haft verurteilt und 2019 auf Bewährung entlassen sowie nach Deutschland abgeschoben. Kritiker verweisen darauf, dass die Verurteilung nie aufgehoben wurde, während Söring auf neue Beweismittel und laufende juristische Bemühungen verweist, mit denen er seine Verurteilung anfechten will.

Kritik an seinen Auftritten kann Söring nach eigenen Angaben nachvollziehen. Manche Menschen sähen es kritisch, dass ein wegen Doppelmordes verurteilter Mann heute auf Bühnen stehe. Söring verweist in diesem Zusammenhang auf sein Recht auf freie Meinungsäußerung. Das Urteil aus den USA sei in Deutschland nicht rechtsgültig, er habe hier keinen Eintrag im Strafregister und keinen Kontakt zur Justiz. „Warum soll ich mich nicht frei äußern können wie jeder andere Bürger auch?“, fragt er.

Ob man Sörings Sichtweise teilt oder nicht: Seine Lebensgeschichte und die Fragen, die er daraus ableitet, versprechen einen Abend, der weit über klassische Kriminalgeschichten hinausgeht. Am Ende geht es nämlich nicht nur um Täter und Verbrechen, sondern um die unbequeme Frage, was Menschen eigentlich meinen, wenn sie vom Bösen sprechen.

Der Vortrag „Hinter der Maske des Bösen“ beginnt um 19 Uhr in der Rossini Lounge der Historischen Stadthalle. Im Anschluss gibt es eine offene Fragerunde sowie die Möglichkeit, Bücher signieren zu lassen.