Seit 50 Jahren in Sonnborn Das Kreuz, das ein Dorf verschlang

Wuppertal · Endlich baustellen- und staufrei für immer: Das dürfte wohl das sein, was viele Wuppertaler, zumindest die, die oft hinterm Autosteuer sitzen, dem Sonnborner Kreuz – und sich – zum Geburtstag wünschen würden. Denn „Europas größtes innerstädtisches Autobahnkreuz“, als das es bei seiner Eröffnung galt, wird runde 50.

 Von links: Eva Brabender-Hofmann, Andrea Möller, Jan Kirschbaum, Johannes Beumann und Edith Geuter.

Von links: Eva Brabender-Hofmann, Andrea Möller, Jan Kirschbaum, Johannes Beumann und Edith Geuter.

Foto: Simone Bahrmann

Am 16. Mai ist es genau ein halbes Jahrhundert her und genau passend dazu wird an diesem Tag ein Buch zur Historie jenes Knotenpunkts erscheinen, dessen Bau gerade für den namensgebenden Stadtteil einen kaum vergleichbaren Einschnitt darstellt. „Die Sonnborner Verschlingung“ heißt das Werk, hinter dem ein Autorenquartett steht. Edith Geuter, Eva Brabender-Hofmann und Johannes Beumann haben Interviews geführt; Historiker Jan Niko Kirschbaum half, alles in Form zu bringen.

„Wir wollten die Menschen fragen, die live und in Farbe den Bau erlebt haben“, erklärt Beumann die Intention des Buches. Die Kernfrage sei gewesen: „Wie hat das die Leute und den Ort verändert?“ Mehr als 60 Gebäude mussten der Autobahn weichen, rund 2.000 Menschen wurden umgesiedelt. Doch das Autorenteam wollte keinen Zahlenfriedhof in Buchform. Wichtig seien die persönlichen Erinnerungen, oft aus der Kindheit – garniert mit Fotos aus dem Nachlass des bekannten Wuppertaler Fotografen Gerhard Hense. Das alte Sonnborn also in Wort und Bild, „dem viele nachtrauern“.

Schließlich wurde unter anderen die Remigius-Kirche abgerissen, Geschäfte verschwanden, Kleingärten und mit dem „Lockvogel“ gleich ein ganzes Viertel mit zwar etwas heruntergekommenen, aber immer noch schönen Häusern, wie es in den Interviews oft hieß. Dass der Bau des Kreuzes für viele einer Katastrophe gleichkam, „ist natürlich nicht von der Hand zu weisen“, erklärt Beumann. „Trotzdem sollte es kein Wehklagebuch werden.“

In der Rückschau müsse man auch sehen: „So war die Zeit damals: Alles war dem Automobil untergeordnet“, ist Beumann überzeugt. Und nur so sei es möglich gewesen, „sowas mitten in der Stadt zu bauen“. Kirschbaum wird deutlich: „Heutzutage hätte es Bürgerinitiativen gegeben, die sich dagegen gewehrt hätten.“ Vor 50, 60 Jahren hätten sich die Menschen noch eher gefügt. „,Wir waren nicht so aufmüpfig damals‘, hat mir jemand gesagt“, erinnert sich Mitautorin Geuter. Historiker Kirschbaum fand die Interviews vor allem spannend, weil die Bewertung der Betroffenen „nicht nur schwarz-weiß war. Da war auch viel Grau dabei“.

Das Sonnborn von früher „war wirklich ein Dorf aus einer anderen Zeit“, so Kirschbaum. Im Rückblick sei das Urteil über den Bau durchaus ambivalent ausgefallen: „Auf der einen Seite ist eben gerade diese Dorfgemeinschaft kaputt gemacht worden, auf der anderen Seite haben Menschen auch von der Neuentwicklung profitiert oder sich zumindest arrangiert.“ Zumindest ein positiver Aspekt sei mehrfach genannt worden, so Geuter. „Man kam jetzt schneller nach Düsseldorf, das war durchaus ein Argument für die jungen Leute.“

Einer, der sich im Buch erinnert, ist Frank Römpke. Als Kind war er in den 1950er Jahren nach Sonnborn gekommen, dort aufgewachsen und nie weggezogen – trotz Autobahnbau. „Nur einmal in die Varresbeck, aber das ist ja praktisch Sonnborn“, erzählt der langjährige Presbyter schmunzelnd. Den Bau des Kreuzes, der Jahre dauerte, zu beobachten, sei schon ein bisschen „wie einen Stadtteil sterben zu sehen“ gewesen. Nichtsdestotrotz erinnere er sich auch an Beeindruckendes, „zum Beispiel als die das Schwebebahngerüst angehoben haben“.

„Die Sonnborner Verschlingung“ kennt Römpke bisher nur in Auszügen – und ist schon neugierig, was die anderen Befragten so erzählt haben.

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