Oberbarmen / Wichlinghausen: Bunter Sand in der Wüste

Oberbarmen / Wichlinghausen : Bunter Sand in der Wüste

Die Oberbarmer und Wichlinghauser wollen mehr als nur überleben. Das kulturelle Netzwerk hat sich in rund 20 Jahren beispielgebend entwickelt. Und der Integrationswille ist ausgeprägt, auch wenn der Berliner Platz als problematischer, unsicherer Ort und „Brennpunkt“ gilt.

Max Moll setzt dagegen: „Beide Stadtteile, in dem viele Menschen gerne leben, bilden einen exemplarischen Weltort zwischen Eigensinn und Zerrissenheit. Multikulturell und vielfältig wie der Rest der Welt!“ In keinem anderen Stadtteil ist die Zahl der Flüchtlinge und Migranten größer. Dieser Tatsache trägt die Stadt Wuppertal mit dem Förderprojekt „Soziale Stadt Oberbarmen-Wichlinghausen“, das sich in der zweiten Förderphase befindet, Rechnung. Mittel von EU, Bund und Land fließen in den Osten der Stadt. Herausragende Beispiele sind die Revitalisierung des Nordparks, der Neubau eines Stadtteilzentrums auf der Hilgershöhe und die Sanierung zahlreicher Kinderspielplätze. Andere Wuppertaler Stadtteile beobachten diese Förderungen kritisch.

Das von der „Färberei“ und der mobilen „Oase“ getragene Kunstprojekt „Die Wüste lebt“, das sich in einer bundesweiten Ausschreibung behauptet hat, wurde vor einem Jahr gestartet. In vier Jahren fließen 420.000 Euro nach Oberbarmen und Wichlinghausen, um die Menschen durch kulturelle Angebote für ihr Quartier zu begeistern, zu sensibilisieren und sie zu ermutigen, sich in das gesellschaftliche Leben einzubringen. Dabei geht es um künstlerische Interventionen, bei denen Experten vor Ort zu Wort kommen und sich Projektleiter Roland Brus nicht scheut, Bewohner, Durchreisende und „Hängengebliebene“ auf der Berliner Straße und dem Berliner Platz spontan anzusprechen und Statements aufzuschnappen.

Er bringt aber auch, durchaus ernst gemeint, die Kritik an, warum der „Lange Tisch 2019“ zum 90. Stadtgeburtstag in Barmen endete und der Osten, der sich als wichtiger Teil Wuppertals empfindet, ein eigenes Fest auf die Beine stellen musste. Die Jahresbilanz haben die Projektbeteiligten unter Leitung von Uwe Peter in einer eigenen Zeitung „Der Sand“ zusammengefasst. Diese in Kooperation mit dem BOB-Campus entstandene jährliche „Zeitung für Oberbarmen, Wichlinghausen und den Rest der Stadt“ enthält in einer Auflage von 25.000 Exemplaren unter dem Titel „Über Leben in Wuppertal“ Gesichter und Geschichten.

„Stadtschreiber“ und „Viertelsprecher“ Roland Brus: „Wir sind mit Bewohnern durch die Stadtteile gewandert, haben Spuren frei gelegt und Schätze geborgen. Die Geschichten der Menschen haben wir gesammelt, denn sie verändern den Blick auf das Leben im Quartier. Wir wollen in unserer Wüste gemeinsam handeln und erforschen, wie viel Leben unter dem Sand liegt.“

Auf der Haben-Seite von 2019 stehen ein Straßenchor mit wöchentlichen Aktionen, die Jugend-Brassband, die Wichlinghauser Erzählrunde, das Performanceprojekt „Heimat“ mit Jugendlichen, Spaziergänge, Gespräche und Interviews mit dem „Stadtschreiber“ sowie vieles mehr. In „Der Sand“ berichtet Max Moll von nächtlichen Erkundungen und Walid Rahim über seinen Spagat zwischen Afghanistan und Wuppertal. Daniela Camilla Raimund, die ein temporäres „Überlebensstudio“ betreibt, sendet „Lebenszeichen“ und philosophiert unter dem Titel „Am Strand des Lebens“ über den Osten, in dem die Sonne abends aufgeht.

Wuppertal-Institut-Chef Uwe Schneidewind denkt laut über Überlebensstrategien in einer Welt im Umbruch nach: „Eigene und Gruppen-Identität sind in einem Stadtteil der kulturellen Vielfalt wichtiger als Vernetzung um jeden Preis.“ Medienunternehmer Philipp Kaul wird von Andy Dino Iussa porträtiert. Iussa besuchte die Grundschule Germanenstraße („Alles Blöde verbieten“) und begegnete der tanzenden Ur-Wichlinghauserin Helma Biermann. Und Georgios Provatos ruft seine in Oberbarmen zahlreich lebenden griechischen Mitbürger auf: „Mischt euch ein!“