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Kommentar: Mehr Flexibilität? Von wegen!

Kommentar : Mehr Flexibilität? Von wegen!

Der Stadtrat hat am Montag mit großer politischer Mehrheit einen Antrag beschlossen, in dem es darum geht, dass für die Schulen beim Thema Corona mehr Flexibilität und keine über einen Kamm geschorenen Vorschriften gebraucht werden.

Gefragt sei vielmehr – so haben es intensive Gespräche mit den Schulen im Vorfeld gezeigt – das genauen Hinschauen auf die einzelne Schule und Schulform. Schuldezernent Stefan Kühn formulierte den Wunsch der Betroffenen so: „Bitte keine Standardlösungen, sondern die Freiheit, individuell zu reagieren.“ Das betrifft technische Fragen wie etwa das klassische Lüften per Fensteröffnung beziehungsweise den Einsatz von Lüftungsgeräten, aber natürlich auch das Thema von „verschobenen“ Unterrichtsanfangszeiten, die Entzerrung von Klassenstärken beziehungsweise (digitalen) Wechselunterricht.

Jetzt allerdings – die vorgezogenen Weihnachtsferien stehen vor der Tür – hat die Stadt Wuppertal neue, wiederum restriktivere Corona-Regeln eingeführt, die (zurzeit) streckenweise über die Vorschriften des Landes NRW hinausgehen. Diese Wuppertaler Vorgaben schreiben beispielsweise vor, das auch während des Unterrichtes ein Abstand von anderthalb Metern einzuhalten. Angesichts der Realität müssen die Schulen damit quasi zwangsläufig zu anderen Unterrichtsmodellen als den bisherigen wechseln. Das viel diskutierte und oft umstrittene „Solinger Modell“, das das schon seit Wochen vorsieht, ist auf diesem Weg Wirklichkeit geworden.

Meine Gedanken in dieser Zeit, in der nun ein zweiter harter Lockdown vor der Tür steht, gelten (wie zuvor auch schon) der Kultur. Wenn es in den Schulen jetzt erst darum geht, einen Mindestabstand von 1,50 Metern einzuhalten, kann ich nur sagen: Der war in Theatern und in der Oper vor Wochen längst garantiert. Geschlossen worden sind diese Einrichtungen trotzdem.

Zurzeit gilt in Sachen Kultur: Entweder die Akteure lassen sich etwas einfallen, um sich und ihre Projekte nicht dem langsamen Vergessen anheim fallen zu lassen – oder es gilt die Devise „Verschieben“. Wobei man fragen muss: Verschieben wohin? Bis wann? In Sachen etwa der ausgefallenen Veranstaltungen des Engels-Jahres war öffentlich bereits vom September 2021 die Rede. Interessiert das dann noch jemanden?

Zwei Beispiele fürs Dagegenhalten: Die Aktion „Fenster Auf!“, bei der Kulturschaffende vor den Fenstern von Wuppertalern auftreten, um so Kultur wieder live erlebbar zu machen. Oder das Kleben der 200 Wuppertaler Gesichter für Friedrich Engels an einer Firmenfassade in der Gewerbeschulstraße. Es gibt noch viele andere Aktionen und Initiativen: Wer sie unterstützt, finanziell fördert und davon weitererzählt, tut Wichtiges. Denn wenn der Rhythmus „Lockdown-Lockerung-Lockdown-Lockerung-Lockdown ...“ die Zukunft prägen sollte, geraten fragile (und wie ich finde, definitiv unverzichtbare) Systeme wie die Kultur ins hochgefährliche Wanken. Vor allem da, wo sie nicht öffentlich finanziert werden. Unsicherheit, Frustration und Existenzängste sind dort Realität. Von Corona-Entschleunigungslyrik keine Spur: Die ist nämlich nur ein Thema für (finanziell) Privilegierte.

Interessant: Die einzige öffentliche (Wuppertaler) Forderung nach der Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens zur Abfederung der wirtschaftlichen Corona-Krise-Folgen, von der ich gelesen habe, kommt aus der Kultur-Szene: Sie stand im Editorial des Wuppertaler Magazins „Der Kunstblitz“.