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Ein Kommentar zum "Fall Kamioka": Statt Glanz nur noch Scherben

Ein Kommentar zum "Fall Kamioka" : Statt Glanz nur noch Scherben

Die Entscheidung fiel fast im Alleingang. Mit Toshiyuki Kamioka als Opernintendant erhoffte sich OB Peter Jung strahlenden Glanz im Musiktheater. Kommende Inszenierungen würden das Wuppertaler Opernhaus überregional in der Gunst des Publikums nach oben schießen lassen.

Er sah Tanztheater und Musiktheater mit der Lichtfigur Kamioka als Frontmann bereits auf einem Niveau.

Mahner gab es viele, denn wer den Rechenstift anlegte, kam schnell dahinter, dass ein solcher Aufschwung mit dem kargen Etat nicht zu bewältigen sei. Für die Stadt war es jedoch die einzige Möglichkeit, Kamioka zu halten, ihm eine weitere Funktion zuzuschustern, um die Gage zu erhöhen. Außerdem galt Kamioka als Opernexperte, was er in Essen unter Beweis gestellt hat. Kamioka als Generalmusikdirektor, Orchesterleiter und Opernintendant in Personalunion stieg zur mächtigsten Person in der Kulturszene auf.

Doch schon kurz nach Vertragsunterzeichnung gab es die ersten Querelen, Kamioka sprach sich gegen ein festes Ensemble aus, wollte nur noch mit Gästen spielen. Unmut regte sich bei den Wuppertalern, die keine bezahlten "Söldner", sondern ihre Lieblinge auf der Bühne sehen wollten. Mit Joachim Arnold holte sich der japanische Stardirigent einen erfahrenen Kulturmanager an seine Seite. Ebenfalls ausgewiesener Gegner eines festen Ensembles, entpuppte sich Arnold direkt als "Sympathieträger", dem Wuppertal eigentlich eine Nummer zu klein und zu provinziell erschien.

Die Wuppertaler Kulturszene zahlt für diesen Traum des Oberbürgermeisters einen hohen Preis, nicht nur in finanzieller Hinsicht. Ein funktionierendes Stadttheater wurde zerschlagen, die Arbeit von Opernintendant Johannes Weigand und seines Teams mit Füßen getreten, Schauspielintendant Christian von Treskow und sein tolles Ensemble in die Wüste geschickt, obwohl die Besucherzahlen sich im Aufwärtstrend befanden.

Dafür hat Wuppertal nun einen Scherbenhaufen in der Oper, deren Spielplan nur auf Gängiges setzt, ein Sinfonieorchester, bei dem die Chemie zwischen dem Chef und dem Klangkörper nicht mehr stimmt, und ein Schauspiel, das sich mit seinen beiden ersten Produktionen nicht gegen Taltontheater und TiC positionieren konnte.

Jetzt geht es um Schadensbegrenzung. Es war richtig, Kamioka nicht zum Bleiben zu überreden. Vielmehr gilt es, schnell einen neuen Mann für das Musiktheater zu finden, der bis zu seinem Amtsantritt zur Spielzeit 2016/17 behutsam ein neues Ensemble aufbaut. Schwieriger wird die Suche nach einem neuen Leiter des Sinfonieorchesters, denn Kamioka hat seine Musiker hervorragend gefördert, einen Klangkörper geformt, der immer wieder für musikalische Sternstunden gesorgt hat. Hier kann man sich anfangs mit Gastdirigaten behelfen, um mit der nötigen Ruhe einen ebenbürtigen Nachfolger zu finden.

Und wenn nun schon mal Umstrukturierungen ins Haus stehen, sollte auch die Frage nach der Intendanz erlaubt sein. Sind zwei Intendanten, jeweils für Sprech- und Musiktheater für ein Haus unserer Größenordnung wirklich die bessere Lösung, oder sollte man nicht zur Generalintendanz zurückkehren, dem Geschäftsführer eine Person an die Seite stellen, die die künstlerische Verantwortung für beide Sparten trägt, zur Not ein Veto einlegen kann. Vielleicht wäre uns so "Die schöne Müllerin" erspart geblieben.

(Rundschau Verlagsgesellschaft)