„Ich wollte eigentlich Chirurg oder Gerichtsmediziner werden“, erzählt Michael Wessel. Nach dem Abitur 1986 also Immatrikulation in Gießen. „Allerdings hatte ich völlig unterschätzt, wie lernintensiv das Medizinstudium war. Vor allem, weil ich viel Zeit in Studentenkneipen verbracht habe“, gibt er lachend zu.
Und wieviel Zeit zum Geldverdienen nötig war: mit Diensten als Nachtwache im Petrus Krankenhaus und in der Fabricius-Klinik in Remscheid. Oft übers gesamte Wochenende, dann montagsfrüh zurück nach Gießen in die Uni. „Das hat auf Dauer nicht funktioniert.“
1996 gründete er sein Unternehmen Pflege Wessel, begann mit einem ambulanten Pflegedienst. „Bei der Zulassung sagte man mir ‚herzlich willkommen in der Pflegemafia‘ – das hat mich schon ein wenig erschreckt.“ Wessel intensivierte die Kontakte zu Kliniken, und da es noch keine Sozialdienste gab, fanden die Erstgespräche mit Patienten und Angehörigen direkt am Krankenhausbett statt. Noch bevor die Patienten entlassen wurden und auf die Suche nach einem Pflegedienst gehen mussten.
Das Büro im Elternhaus, Mutter Inge als Unterstützung, eine gebrauchte elektrische Schreibmaschine, der Taschenrechner aus der Schulzeit, ein Nadeldrucker mit Endlospapier, Tourenplanung am Esstisch – so ging es los. „Das war ‘ne total wilde Zeit!“
Viele Ideen wurden umgesetzt und ausprobiert – manches etablierte sich, anderes trieb die Firma fast in den Ruin. „Man lernt jeden Tag dazu, das hat sich bis heute nicht geändert“, sagt Wessel. Was sich ebenfalls bis heute nicht geändert hat: Akquise, innovative Projekte und neue Dienstleistungen sind Chefsache.
Von der damals ersten Wundversorgung mit Maden über Portversorgung mit Nahrung bis zur Eröffnung eines eigenen Wundzentrums im Jahr 2023, von den ersten ambulanten Touren bis zu den heute fünf Wohngemeinschaften für Demenzkranke, von den mittlerweile selbstverantworteten sieben WGs für schwerbehinderte junge Menschen bis zur 24-Stunden-Assistenz im gesamten Bergischen Land und in Münster – kürzerzutreten kommt für Wessel nicht infrage.
Vor allem nicht im Jubiläumsjahr: „30 Jahre Pflege Wessel bedeuten, dass wir als Unternehmen wirtschaftlich stabil, ein sicherer Arbeitgeber und zuverlässiger Dienstleister sind und bisher alle Hürden gemeistert haben. Besonders die finanziellen, beispielsweise nach Einführung der Tarifpflicht im Herbst 2022, die eine enorme Insolvenzwelle in der Branche ausgelöst hat.“ Wessel plant, weitere Pflege-Wohngemeinschaften zu eröffnen und blickt wieder einmal über die Grenzen Wuppertals hinaus. „In Essen entsteht ein neues Projekt.“
Will er es mit 60 noch mal wissen? „Es hat sich nichts geändert. Stillstand ist Rückschritt“, sagt Wessel und weiß, seine Frau Evelin hält ihm als Leiterin der Verwaltung seit 2016 den Rücken frei. Dieses Jahr steht aber erstmal ganz im Zeichen des Feierns.