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Der ESC-Blog des Wuppertaler Musikexperten Peter Bergener
Cool und dramatisch

Der ESC-Blog des Wuppertaler Musikexperten Peter Bergener: Cool und dramatisch
Französischer Style in Lissabon. FOTO: Bergener
WUppertal. Frankreich nimmt seit dem ersten Wettbewerb 1956 regelmäßig teil, setzte jedoch zweimal aus. Das Land erlange wie Großbritannien bereits fünf Mal den Eurovisionssieg, jedoch liegen diese Erfolge schon lange zurück und rühren eigentlich vor allem aus der Zeit, als der "Eurovision Song Contest" noch "Grand Prix Eurovision de la Chanson" hieß. Von Peter Bergener

Der letzte Sieg gelang mit dem Lied "L'oiseau e l'enfant", genial und wunderbar vorgetragen von Marie Myriam im Jahre 1977. Der Titel war in Frankreich sehr erfolgreich und ist mittlerweile so eine Art "Volkslied der Franzosen" geworden. Ein kommerzieller Erfolg wurde vor allem jedoch das Lied "Tom Pillibi" von Jacqueline Boyer im Jahre 1960, das sich europaweit in den Charts platzieren konnte. Nach der Einführung des Telefonvotings 1998 wurden die Franzosen weniger erfolgreich.

Übrigens: Die uns in Deutschland sehr bekannte Französin France Gall gewann 1966 mit "Poupée de cire, poupée de son" nicht für Frankreich, sondern für Luxemburg. Die Sängerin, die 1988 mit "Ella, elle l'a" auch einen Nummer-eins-Hit in Deutschland hatte, starb leider dieses Jahr im Januar im Alter von 70 Jahren.

Frankreich ist seiner Landessprache im Wettbewerb sehr treu, bisher wurden alle Beiträge zumindest teilweise in einer Landessprache vorgestellt, wobei dies nicht immer Französisch war. 1992 wurde der Beitrag "Monté la riviè" teilweise auf Kreolisch gesungen, im Folgejahr sang man "Mama Corsica" teils auf Korsisch. 1996 wurde der ganze Beitrag "Diwanit bugale" auf Bretonisch vorgestellt.

Das französische Duo mit Peter Bergener nach der Pressekonferenz. FOTO: Bergener

Eines aus Frankreich ist für mich ewig ein Highlight: Patricia Kaas. Durch sie bekam für mich 2009 die Eurovision wieder einen neuen Glanz. Das Lied "S'il fallait le faire" brachte uns wieder den "Grand Prix Eurovision de la Chanson" zurück, jedoch in einem modernen Gewand und Arrangement. Patricia holte damit einen hervorragenden achten Platz.

In den vergangenen Jahren hatte Frankreich unglaublich tolle Songs und die Künstler hatten grandiose Stimmen, so zum Beispiel Lisa Angell, die mit dem Lied "N'oubliez pas" (deutsch: "Vergesst nicht”) trotz traumhafter Bühne und genialer Stimme im Jahr 2015 nur leider Platz 25 von 27 Teilnehmern erreichte. Ein Jahr später sang "Amir" für Frankreich und da klappte es für einen hervorragenden sechsten Platz mit dem Lied "J'ai cherché" ("Ich habe gesucht").

In diesem Jahr hatte der französische Sender keine Kosten und Mühen gescheut und eine groß angelegte Vorentscheidung gemacht, in der sehr gute Songs vertreten waren. Dirks Lieblingssong aus dieser Vorentscheidung ("L'un près de l'autre") der Sängerin Noée hat nicht gewonnen, aber schön, dass es noch solche französischen Klassiker gibt, die das Balladenherz berühren.

Jean-Karl Lucas und Émilie Satt. FOTO: Bergener

Doch kommen wir zu dem Sieger: Frankreich wird 2018 vertreten von einem Duo mit dem Namen "Madame Monsieur", die mit ihrem Song "Mercy" auch ein Statement abgeben. Das französische Popduo, das aus dem Ehepaar Émilie Satt und Jean-Karl Lucas besteht, schrieb das Lied aufgrund einer wahren Begebung. Den Stein ins Rollen brachte ein kleines Mädchen namens Mercy, das auf einem Flüchtlingsboot auf dem Meer das Licht der Welt erblickte. In diesem Song wird diese dramatische und doch auch sehr lebensbejahende Geschichte erzählt.

Umso mehr ich das Lied höre, gefällt mit dieser rhythmisch eingängige Elektro-Sound. Nach den ersten Proben ließ mich die Melodie auch nicht mehr aus ihren Bann. Dieses Jahr sollten die Franzosen ganz weit vorne liegen mit einem zeitgemäßen Sound, gepaart mit einem polarisierenden Thema. Ach, und ich finde, einen Preis bekommen sie schon von mir, ich finde, sie haben den "coolsten" Look von allen Teilnehmern.

Bonne chance e au revoir, der Euro-Music-Peter!

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