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Opernpremiere
Selbstbewusste Arbeiterin statt Femme fatale

Opernpremiere: Selbstbewusste Arbeiterin statt Femme fatale
Der letzte Versuch, zueinander zu finden: Zu spät, meint Carmen. Gleich wird Don José auf sie schießen. FOTO: Jens Grossmann / Wuppertaler Bühnen
Wuppertal. Weitestgehend von Folklore befreit: Bei der Premiere von "Carmen" strahlt Julia Jones – neben den beiden Hauptdarstellern – als Star des Abends. Von Stefan Schmöe

Schluss mit allen Klischees! Eine andere "Carmen" hat Intendant Berthold Schneider sich wohl gewünscht, als er Candice Edmunds als Regisseurin verpflichtet hat. Die hat vorher noch nie eine Oper inszeniert, sondern mit ihrem im schottischen Glasgow beheimateten Kollektiv "VOX MOTUS" spartenübergreifende Theaterprojekte entwickelt. Sich an ein vorgegebenes Textbuch und sogar an eine Partitur halten zu müssen, das sei neu für sie, bekannte sie vor der Premiere. Keine Sorge: Gegen den Strich gebürstet hat sie das Stück keineswegs. Aber sie versucht, die Oper von aller Folklore zu befreien, die daran klebt, um zum Kern der Geschichte vorzudringen. Auch wenn das nicht vollständig gelingt: Der Musik bekommt der Ansatz ausgesprochen gut.

Die Kostüme von Luis Carvalho verlegen die Handlung vage in die Zeit des spanischen Bürgerkriegs oder der folgenden Franco-Diktatur. Dadurch erhält die Präsenz der Soldaten etwas Bedrohliches, und die vielfach betonte Freiheitsliebe Carmens und der Schmuggler, die hier wohl als Partisanen zu verstehen sind, bekommt eine politische Dimension jenseits der romantischen Verklärung von Kleinkriminellen. Das wertet den Grundkonflikt auf, wird aber nicht allzu weit verfolgt, sondern stellt lediglich den Hintergrund der Liebesgeschichte dar.

Die erzählt die Regisseurin mit vielen kleinen, aber sehr genauen Gesten. Carmen ist weniger die erotisch-bedrohliche Femme fatale als vielmehr die selbstbewussteste, auch unangepassteste der Arbeiterinnen. Die Affäre zu José ist zunächst Kalkül, schließlich soll der sie vor dem Gefängnis bewahren. Als sie sich tatsächlich in ihn verliebt – wenigstens beinahe – macht er einen Rückzieher: Da sind zwei ziemlich moderne Menschen, die permanent aneinander vorbeireden und nicht zueinander finden. Ieva Prudnikovaite und Joachim Bäckström sind zwei grandiose Darsteller, szenisch wie stimmlich. Sie mit gläsern-klarem, ungemein präsentem Sopran, er mit männlich-baritonalem, leicht dunkel glänzendem Tenor.

Im abstrahierenden Bühnenbild, das mit variabel verschiebbaren Bretterkonstruktionen schnell die passenden Räume schafft und durch stimmungsvolle Beleuchtung (Lutz Deppe) immer wieder die Atmosphäre verdichtet, konzentriert sich die Regie ohne viel Brimborium in beinahe filmischer Schnitttechnik auf die Schlüsselmomente. Die großen Chorszenen dagegen sind revuehaft angelegt und geschickt durchchoreographiert (Neil Bettles) – das soll bewusst arrangiert aussehen und unterstreicht die Struktur dieser in einzelne Nummern gegliederten Oper mit ihren etlichen Hits sehr passend. In vielen Momenten gelingt das gut – nicht in allen.

Der Kinderchor etwa, der ebenso famos singt wie Opern- und Extrachor (Einstudierung: Markus Baisch), ist weit niedlicher geraten als geplant. Leider kann der stimmlich solide, aber wenig draufgängerische Dmitry Lavrov als Escamillo das außerordentlich hohe sängerische Niveau dieser Produktion nicht ganz halten, und szenisch fällt dem Regieteam da auch nicht richtig etwas zu dieser Figur ein – ein etwas eitler Torero wie immer. Nicht besser ergeht es der braven Micaela, Gegenfigur zur Carmen, die von Bryony Dwyer in schöner Balance zwischen mädchenhafter Innigkeit (mit hinreißendem Pianissimo) und erwachendem Selbstbewusstsein gesungen wird, die aber als Figur nebensächlich bleibt.

So gut gemeint der Ansatz der Regie auch ist: Im zweiten Teil schleicht sich mehr und mehr ein Naturalismus ein, der die bis dahin sehr spannende Inszenierung zunehmend konventionell erscheinen lässt. Wenn José am Ende die untreue Carmen im Affekt erschießt, soll das wohl wie eine Episode am Rande des Bürgerkriegs aussehen, wirkt aber ein wenig unbeholfen arrangiert. Nach und nach verläuft sich die Regie im passablen Mittelmaß. Eines aber muss man ihr lassen: Sie ist sehr genau auf die Musik ausgerichtet. Neben den erwähnten Hauptdarstellern (nebenbei: alles Gäste, so viel zu den Grenzen eines nicht ausreichend finanzierten Ensembletheaters) sind auch die kleineren Partien durchweg sehr gut besetzt.

Der eigentliche Star des Abend ist aber Dirigentin Julia Jones, der mit dem sehr guten Wuppertaler Sinfonieorchester eine hinreißende Interpretation gelingt, die vom Charme der leisen Passagen geprägt ist. Vom Premierenpublikum gab's stehende Ovationen für die Musik und etwas verhalteneren Applaus für die Regie.

"Carmen": weitere Aufführungen am 5., 7., 12. und 15. Juli 2018 sowie am 27. April und 30. Mai 2019. Karten gibt es bei der Kulturkarte unter Telefon 0202/563-76 66 und auf kulturkarte-wuppertal.de