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Analyse von Rundschau-Redakteurin Nicole Bolz
Schauspiel-Intendantin: Ein Abgang ohne Kommentar

Analyse von Rundschau-Redakteurin Nicole Bolz: Schauspiel-Intendantin: Ein Abgang ohne Kommentar
„Not macht erfinderisch“ – im Fall von Schauspiel-Intendantin Susanne Abbrederis hätte sich mancher da mehr Erfindungsgeist gewünscht ... FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. Die Nachricht kam nicht wirklich überraschend: Im gegenseitigen Einvernehmen haben sich die Wuppertaler Bühnen und Schauspiel-Intendantin Susanne Abbrederis darauf verständigt, ihren Vertrag vorzeitig zum 31. Juli 2017 zu beenden. Zwei Jahre früher als vorgesehen. Die Vorstellungen von dem, was mit den knappen Mitteln machbar ist, waren nicht länger zu vereinbaren. Warum? Eine Analyse. Von Nicole Bolz

Die Wuppertaler Bühnen haben es mal wieder in die überregionalen Schlagzeilen geschafft. Nach dem furiosen Auftakt des neuen Opern-Intendanten Berthold Schneider, der auch außerhalb Wuppertals für Begeisterung sorgte, und die Hoffnung weckte, die geschundene Kultur in unserer Stadt erhebe sich zu neuen Sphären, geht es nun also wieder zurück in die Niederungen.

Es geht ums Geld. Oder jedenfalls um das Geld, das fehlt – und um ein Gutachten, das die klare Erwartung formuliert, das Schauspiel möge mehr spielen, um so auch mehr Geld in die leeren Kassen zu spülen. Und es geht um eine Schauspiel-Intendantin, die nun einen Schlussstrich gezogen hat, um diese missliche Situation – für sich – zu beenden. Was war geschehen?

Schon lange hatte es hinter den Kulissen gebrodelt. Die Chemie zwischen Susanne Abbrederis und der Verwaltung – sie war nicht die beste. Als die Wienerin vor zwei Jahren ihre Stelle in Wuppertal antrat, da hatte das finanzielle Trauerspiel der Bühnen längst Gestalt angenommen. Es war sichtbar in Form der zum Theater umgebauten Lagerhalle am Engelsgarten mit gerade mal 152 Plätzen und einem Rumpf-Ensemble. Alles andere war weggekürzt – radikal. Keine leichte Aufgabe, erst recht nicht für jemanden, der ausschließlich künstlerische Leiterin sein wollte, den Part als Geschäftsführerin ablehnte. Zahlen, zumal die roten, gehörten nicht zu dem, womit sich die 62-jährige Dramaturgin befassen wollte.

Das konnte nicht ohne Konsequenzen bleiben. Dachte sich Abbrederis Formate wie Else Lasker-Schülers "Die Wupper" aus, bei dem die Zuschauer in einem Bus quer durch die Stadt zu verschiedenen Aufführungsorten kutschiert wurden, so hatte dies – bei allen Schwächen – den durchaus richtigen Ansatz, in die Stadt hineinzugehen. Doch viele zahlende Gäste konnte sie so nicht erreichen. Ein Denkfehler, der sich jetzt mit der Aufführung der "Buddenbrooks" in der Concordia wiederholte. Auch hier blieb die Idee, mit einer Inszenierung in die Stadt zu gehen, prägende Räume als charmante Kulisse zu nutzen, nicht nur weit besser als ihre künstlerische Umsetzung.

Vor allem waren auch die Möglichkeiten für neugierige Theaterbesucher, sich diese Produktion anzusehen, bescheiden. Allen Zusatzvorstellungen zum Trotz. Obendrauf musste man der Concordia für die Nutzung der Räume natürlich auch Miete zahlen. Ein deutlicher Betrag, so ist zu vernehmen, den die Intendantin aus ihrem eigenen Budget beglich. Ob es das wert war – diese Frage wird gestellt. Und zwar rhetorisch. Man möge sich ein eigenes Bild machen.

Zwar genießen Künstler oft den Sonderstatus, nicht zwingend auch noch gut mit Geld umgehen können zu müssen, wenn sie denn ganz im Sinne der Kunst etwas schaffen, das überzeugt, mitreißt, das bewegt, das die Stadt erobert, wegweisend ist. Und genau da ist in den vergangenen zwei Jahren einfach zu wenig passiert am Engelsgarten. Gefällig war der Spielplan, vom Publikum oft gelobt, aber deutlich zu blass, um neue Zuschauer zu erobern und zu strahlen. Und dann immer wieder die Diskussion um Aufführungen im benachbarten, viel größere Opernhaus: Es schien, als wäre Abbrederis die große Bühne nicht geheuer – sie mied sie, so gut sie konnte.

Sehr zum Ärger der Verwaltung. Immer wieder wurde – anfangs zurückhaltend, dann zunehmend deutlicher – gefordert, sie möge diese Möglichkeit (mehr) nutzen, damit durch viele Zuschauer auch entsprechendes Geld hereinkommen möge. Wie entscheidend das ist, bekräftigte im Sommer das Actori-Gutachten zur Zukunft der Bühnen: Konkret empfahl das Beratungsunternehmen Actori dem Schauspiel, für zwei Produktionen ins Opernhaus zu gehen und eine zusätzliche Produktion am Engelsgarten zu spielen, um die Einnahme-Seite der heruntergesparten Bühnen zu verbessern.

Sicher, aus dem ausgedünnten Ensemble mehr Leistung zu pressen, scheint wie die Quadratur des Kreises – und obendrein unanständig. Doch auf dem Spiel stand und steht nicht weniger als die Sicherstellung des Spielbetriebs des Drei-Sparten-Hauses bis 2021. Und dass man sogar mit sieben statt neun Schauspielern spannendes Theater machen kann, hat Christian von Treskow in seiner letzten Spielzeit eindrucksvoll bewiesen.
Öffentlich äußerte sich Susanne Abbrederis nicht zu alledem. Aus den Reihen ihrer Vertrauten war jedoch immer mal wieder zu hören, sie beklage sich über die Schwierigkeit, im Opernhaus genügend Probentermine zu bekommen. Zudem sei sie für ein Mehr an Leistung bei gleichbleibendem Etat und Gehalt nicht zu bewegen gewesen, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Keine gesunde Basis also.

Dass die Intendantin nun aber ihrerseits um die Auflösung des Vertrags gebeten hatte, bevor ein Lenkungsausschuss die entscheidenden Eckdaten für die zu erbringenden Mehr-Leistungen des Schauspiels formulieren konnte, hat dann doch den ein oder anderen Beteiligten überrascht.

In der knappen Pressemitteilung der Wuppertaler Bühnen klingt das so: "Im Hinblick auf die Umsetzung der Erkenntnisse eines Gutachtens zur finanziellen Stabilisierung der Wuppertaler Bühnen und Sinfonieorchester GmbH, erscheint eine Neubesetzung der Leitung des Wuppertaler Schauspiels ab der Spielzeit 2017/18 erforderlich." Über alles weitere, auch das gehört zum Abkommen, das bei einer Sondersitzung des Aufsichtsrates der Bühnen am Mittwoch verkündet wurde, werde es keine weiteren Erklärungen geben. Nachfragen unerwünscht.

Überregional ist da von einer erneuten "Krise" die Rede, während man vor Ort so tut, als sei dies ein durchaus üblicher Vorgang. "Das ist nicht so ungewöhnlich in der Theaterszene", sagt etwa Peter Vorsteher von den Grünen, Mitglied im Aufsichtsrat der Bühnen. Er wünscht sich nun eine Findungskommission, um einen Nachfolger für Abbrederis zu suchen. Doch die Zeit drängt. "Da der Spielplan für 2017/18 bald konzipiert werden muss, müssen wir gleich nach den Herbstferien konkret werden", sagt Kulturdezernent Matthias Nocke.

Doch wer kann in dieser schwierigen Situation so schnell die Geschicke des gebeutelten Schauspiels übernehmen? Wohl nur jemand, dem das Haus und die Stadt nicht fremd sind. Der sich auskennt und Akzeptanz genießt – innerhalb des Hauses sowie in der Stadt.

Und wer weiß: Vielleicht kehrt man ja auch früher oder später wieder zum Konzept eines Generalintendanten zurück? Mit der geeigneten Person wäre das eine echte Chance.