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Interview mit Adolphe Binder vom Tanztheater Wuppertal
"Dies kann nur ein Anfang sein"

Interview mit Adolphe Binder vom Tanztheater Wuppertal: "Dies kann nur ein Anfang sein"
Adolphe Binder. FOTO: Claudia Kempf
Wuppertal. Mit zwei ganz neuen Stücken wagt das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch einen entscheidenden Schritt Richtung Zukunft. Erstmals haben zwei Gast-Choreografen – Alan Lucien Øyen und Dimitris Papaioannou – abendfüllende Stücke mit dem legendären Wuppertaler Ensemble erarbeitet, die nach der Premiere auch ins Repertoire aufgenommen werden. Kulturredakteurin Nicole Bolz sprach kurz vor der Uraufführung mit Adolphe Binder, Intendantin und Künstlerische Leiterin des Tanztheaters Wuppertal.

Rundschau: Frau Binder, gewähren Sie uns doch einen kleinen Einblick: Wie nervös sind Sie, die Choreografen und das Ensemble vor den Uraufführungen?

Binder: Wir sind positiv aufgeregt, unser gemeinsam künstlerisches Tun nun dem neugierigen Blick von außen zu enthüllen. Es ist wie bei einer Geburt. Man geht durch einen schöpferischen Kraftakt und gebiert etwas ins Licht der Welt. Es lohnt sich immer, etwas zu wagen, der Welt einen Einblick in sich selbst zu schenken. Hürden zu überwinden macht glücklich. Ab heute gehört eins der Stücke nicht mehr uns allein. Ich jedenfalls bin verliebt in unsere Babys.

Rundschau: Nach welchen Kriterien haben Sie die beiden Choreografen ausgewählt? Was war Ihnen wichtig?

Binder: Mich interessieren neugierige, integere Menschen. Künstler, die ihr eigenes Ding machen und sich für uns, die Welt, die Psyche, andere Kunstformen interessieren. Für das menschliche Sein und seine Widersprüchlichkeit. Ich war auf der Suche nach intelligenten Künstlern mit Sinn für stilisiertes, sensibles Theater und Absurdität, die mit ihrer eigenen starken Ästhetik sich auf ein großes Ensemble einzulassen trauen. Und gleichzeitig mit uns eine leere Seite zu beschreiben beginnen. Macher, die echt sind, sich obsessiv in die kreative Arbeit schmeißen, find' ich attraktiv. Mit uns an einen unbekannten Ort abtauchen und Überraschendes zutage fördern. Beide mussten mit großformatigen Stücken Erfahrung haben und bereit sein, sich auf ein Experiment einzulassen. Ich wollte auch gerne in Deutschland noch unbekannte Künstler präsentieren.

Rundschau: Haben Sie den Choreografen Vorgaben gegeben oder haben beide völlig frei gearbeitet?

Binder: Beides. Ich sagte: Seid ihr selbst und seid neugierig auf unser Ensemble. Ich wollte gerne mit ihnen neue Möglichkeiten für uns erkunden. Sie sollten mit je der Hälfte des Ensembles gemeinsam (geschlechts- und altersübergreifend) ein volles, tolles Stück entwickeln, das mit uns in Bezug tritt. Künstlerische Freiheit ist für mich immer ein Muss und unser ganzer Sinn und Zweck.

Rundschau: Wie haben die Tänzer – vor allem die, die seit Jahren zum Ensemble gehören – auf die neuen Choreografen reagiert? Wie lief die Zusammenarbeit?

Binder: Wir waren alle Neuankömmlinge auf diesem Terrain. Wir haben damit begonnen, miteinander zu reden und uns kennenzulernen. Es gab nur anfangs ein wenig Skepsis, aber die Tänzer und Tänzerinnen haben sich großherzig geöffnet. Es war emotional, intensiv, intim, mit Tiefen und Höhen, wir sind ja viele Individualisten im Schaffen dieser Gruppenkunst. Zwei sehr unterschiedliche Parallelprozesse. Es war sehr kreativ, Theater machen ist aber auch eine Achterbahn.

Rundschau: Es werden nicht alle Tänzer in beiden Stücken auftreten. Wer hat die Auswahl getroffen?

Binder: Nach dem Kennenlernen haben die Choreographen die Entscheidung mit mir gemeinsam getroffen. Es gab auch Gespräche mit denjenigen Tänzern, die mit Pina Bausch gearbeitet haben. Es ist sehr gut aufgegangen.

Rundschau: Wann würden Sie von einem Erfolg der neuen Stücke sprechen?

Binder: Bereits jetzt. Für mich zählt nicht der Run nach Anerkennung. Es sind Akte des Kreativen. Wir sind zum Glück erfinderisch. Erfolg ist Toleranz der menschlichen Ambivalenz, ist ideenreiches Einlassen. Mut, Unbekanntes zu wagen. Die Vermeidung festgelegten Seins. Erfolg ist Bekenntnis zur Freiheit (der Kunst). Erfolg ist die Kraft, Möglichkeiten zu öffnen, die Verarbeitung der Vergangenheit und die Erneuerung aktiv zu gestalten. Es gibt keine andere Möglichkeit als zu Suchen und zu versuchen und zu versuchen und erneut zu versuchen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ganz einfach.

Rundschau: Wie entscheidend ist so ein Erfolg für die Zukunft des Tanztheaters Pina Bausch?

Binder: Wichtig ist, erneut zu erfahren, dass man aus Steinen Feuersteine machen kann. Es hilft, das Ensemble in sich neu zu formieren, es durch diesen Initiationsritus zu stärken. Doch mit einem Mal ist es nicht getan. Dies kann nur ein Anfang sein, denn unser Daseinszweck ist die Kunst zu fördern. Die Zeit der Zukunftsprognosen ist doch insgesamt vorbei. Wer weiß heut schon, wie die Welt von fünf Jahren aussieht. Alles ist im Fluss. Leben ist Bewegung. Und Kunst ein ritueller Ort der Begegnung, in der sich unser geistiges Wachstum spiegelt. Rigides hat da keinen Platz. Sonst öffnet man die Bahn für konservativ-vereinnahmende Kräfte.

Rundschau: Mit Blick auf die Zukunft: Was wäre der bessere Weg, ein Stück, das eine Nähe zum Werk von Pina Bausch aufweist oder ein ganz neuer Ansatz?

Binder: Erstens: Der Weg ist schon das Ziel. Zweitens: Wir freuen uns auf zwei authentische, diverse Stücke, die im Ensemble und hoffentlich im Betrachter ein Echo finden. Die Spuren hinterlassen, sich in unsere Erinnerung eingraben und uns dadurch weiter begleiten. In liebender Koexistenz.