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Integration
Willkommen bei den Spieß’!

Integration: Willkommen bei den Spieß’!
Mir Alam und Reinhard Spieß stehen in der Küche, in der übrigens die Heimatküche der brasilianischen Gastmutter Marieddy Rossetto dominiert. FOTO: Max Höllwarth
Wuppertal. Mir Alam und das Ehepaar Spieß-Rosetto kochen gerne. Diese Eigenschaft sollte sie für anderthalb Jahre zu einer Familie machen. Und obwohl das Weltbild, die Religion und Heimat des unbegleiteten Flüchtlings und der Familie völlig andere sind, stimmt die Chemie nicht nur im Kochtopf.  Von Nina Bossy

Nicht nur Liebe geht durch den Magen, auch Freundschaft und gelungene Integration. Mir Alam (18) kocht gerne und als es darum ging, dass er für eine mögliche Gastfamilie seine Hobbys nennen sollte, schrieb er Kochen auf einen Zettel. Genau wie das Ehepaar Spieß-Rossetto. Volltreffer. Und so kam es, dass das deutsch-brasilianische Pärchen und der junge Afghane, der im Iran aufgewachsen ist, wie bei einem arrangierten Blind Date im Juli 2016 zusammen auf einem Sofa saßen und sich kennen lernen wollten. "Sieht der freundlich aus", formuliert Marieddy Rossetto ihren ersten Gedanken, als sie Mir Alam in der Wohngruppe für minderjährige Flüchtlinge die Hand schüttelte. "Wollen Sie Mir Alam weiter kennenlernen?", fragte im Anschluss an das Gespräch ein Mitarbeiter vom Jugendamt und das Ehepaar nickte. Das nächste Mal kam Mir Alam zu ihnen nach Hause, sie gingen gemeinsam im Wald spazieren. Das letzte Treffen vor dem Einzug dauerte ein ganzes Wochenende. Das Von der Heydt-Museum hatte geschlossen, also fuhr das Ehepaar mit seinem Gast nach Essen ins Folkwang-Museum. Abends kochten sie zum ersten Mal zusammen. "Er war zurückhaltend und sehr höflich", erinnert sich die Gastmutter. Genau fünf Tage später zog Mir Alam bei der Familie ein. 

Familie Spieß-Rossetto ist eine von drei Familien des Projektes "Gastfamilien für Flüchtlinge". Das Projekt, eine Kooperation des Caritasverbandes und der Jugendämter in Solingen und Wuppertal, bildet die Familien zu Gastfamilien aus und unterstützt sie in der Betreuung. Die Unterbringung erfolgt nach dem Sozialgesetzbuch "Hilfen zur Erziehung". Demnach ist das Jugendamt verpflichtet, Verantwortung für Jugendliche zu übernehmen, die nicht in ihren Herkunftsfamilien leben können – egal ob sie deutsch sind oder Migrationshintergrund haben. Das erfolgt entweder durch Heimunterbringung, durch Unterbringung in betreuten Wohngemeinschaften oder in Gastfamilien. Um eine solche Gastfamilie sein zu können, wurde das Ehepaar drei Wochenenden von Experten des Caritasverbandes geschult. Sie beschäftigten sich mit möglichen Herkunftsländern, deren Kultur und dem muslimischen Glauben. Sie lernten viel über den Ramadan und noch mehr über die Arbeit der hiesigen Behörden. Erst danach kam es zu dem ersten Treffen. 

Für Marieddy Rossetto, deren drei Kinder bereits aus dem Haus sind, ist die Fürsorge für ihren Gast ihr persönliches Danke an Deutschland. Sie selbst kam einst der Liebe wegen aus Brasilien. Ihren Mann lernte sie in ihrer Heimat kennen, in der er fünf Jahre als Pädagoge im Auslandsdienst arbeite. Das Ehepaar weiß, was es bedeutet, irgendwo fremd zu sein.

Seit einem Jahr wohnen sie nun zu dritt. Mir Alam ist mittlerweile volljährig, besucht die Integrationsklasse auf dem Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasium und wird wohl noch ein halbes Jahr in der Familie bleiben. 

Zwischen ihm und seinen Gasteltern ist eine tiefe Freundschaft entstanden, die familiäre Züge trägt. "Wir mahnen zum Fleiß in der Schule", sagt Reinhard Spieß, "und korrigieren die Grammatik". Manchmal rollt Mir Alam mit den Augen und immer verspricht er, es sich zu merken. Familienalltag total. Dass seine Gasteltern keine Moslems sind, sondern in der westlichen Welt zu Hause, hat Mir Alam am Anfang wohl in jeder Minute gemerkt. "Wie viele Fragen alleine beim Fernsehen auftauchen", erzählt Reinhard Spieß. Anhand des banalen Alltags erklären sie ihrem Ziehsohn die westliche Kultur, die Gleichberechtigung – und auch die hiesigen Tischsitten. 

Welche Welt ihm besser gefällt, weiß Mir Alam nach einem Jahr im deutschen Alltag nicht. "Beide haben Vorteile", erklärt er. "Mir gefallen die Freiheiten in Deutschland. Aber sie bedeuten auch viel Verantwortung für sich alleine, die in einer arabischen Familie bei den Eltern liegt." Für seine Zukunft wird er wohl eine Mischform wählen. Bisher weiß er nur, seine Zukunft soll in Deutschland liegen. 
In der Küche haben sich Familie Spieß und ihr Gastkind übrigens gefunden. Sie kochen meist brasilianisch. Das schmeckt allen drei am besten.