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Nach dem Einsatz in Elberfeld
Was liegt unter unseren Städten?

Nach dem Einsatz in Elberfeld: Was liegt unter unseren Städten?
Prof. Tatjana Tönsmeyer lehrt an der Bergischen Uni. FOTO: Tönsmeyer
Wuppertal. Ein Bohrkopf stößt auf Metall im Boden und plötzlich ist 75 Jahre alte Geschichte dazu in der Lage, unser Leben für einen Tag aus der Bahn zu werfen. Am Donnerstagmittag ist klar: Es ist keine Fliegerbombe und auch keine Granate, die da an der Schloßbleiche vier Meter tief in der Erde liegt. Doch was ist damals passiert, was es heute noch so wahrscheinlich macht, dass wir auf alten Bomben laufen? Von Nina Bossy

Die Nacht vom 24. auf den 25. Juni 1943. Die Royal Air Force fliegt über Elberfeld. Mehr als 600 Flugzeuge nähern sich dem Tal. "Der Stadtteil Elberfeld war bei dem großen Angriff auf Barmen weitgehend verschont geblieben", sagt Professor Tatjana Tönsmeyer.

Sie lehrt an der Bergischen Universität Neuere und Neueste Geschichte, schreibt gerade in Jena an einem Buch über das Leben unter Deutscher Besatzung. Für die Rundschau schaut sie nach Wuppertal. "Nach 1942 verfügten die Briten über bessere Navigationssysteme, sie konnten zum einem also schlichtweg besser treffen", erläutert die Historikerin die verheerenden Ausmaße. "Und zum anderen änderten sie die Strategie."

Auch wenn Wuppertal zumindest Zulieferer für die Rüstungsindustrie war, hatte der Fokus zunächst auf dem Ruhrgebiet gelegen. Dort aber machte die starke Konzentration deutscher Luftabwehr den Angreifern zu schaffen. Wie also die deutsche Rüstungsindustrie trotzdem zerstören? Die Briten beschließen, die Luftabwehr wie eine Wolldecke auseinande rzu ziehen. In der Hoffnung, so Laufmaschen am eigentlichen Ziel zu ziehen. Sie nehmen nun auch weitläufigere Ziele ins Visier.

Liegt unter der Schloßbleiche eine Bombe? Diese Vermutung ließ am Donnerstag ganz Elberfeld den Atem anhalten. Um 13 Uhr gab es Entwarnung. FOTO: Peter Fichte

Die enorm zerstörerischen Angriffe auf Wuppertal soll unter anderem das Herz der Rüstungsindustrie im Ruhrgebiet freilegen. Die 600 britischen Flugzeuge werfen in der einen Nacht 1.200 Tonnen Brandbomben und 1.000 Tonnen Sprengbomben auf die Stadt. Und Elberfeld steht in Flammen.

"Über 50 Prozent der Wohnbebauung war zerstört", sagt Professor Tatjana Tönsmeyer. Die Menschen springen in die Wupper, um der Hitze zu entfliehen, Häuser stürzen ein, Brückenpfeiler fallen, begraben Menschen, Straßen, Steine – und auch nicht gezündete Bomben – unter sich. Und irgendwann, als der Wiederaufbau beginnt, wird überall in Deutschland planiert, asphaltiert, gebaut. Und das, was damals vom Himmel fiel, verschwindet tiefer unter Straßen und neuem Leben.

Donnerstagmittag, 26. April 2018. "Wir können Entwarnung geben, die Elberfelder Innenstadt wird nicht evakuiert", sagt Stadtsprecher Thomas Eiting. Keine Bombe, keine Granate. Nur ein Stahlbetonbrocken liegt an der Schloßbleiche begraben. Das Leben in Elberfeld wird wieder aufgenommen. Die Experten vom Kampfmittelräumdienst steigen in ihren Wagen. Wegen der hohen Belastung des Teams gibt es keine Interviews für die wartenden Journalisten.

Wie viele noch verborgene Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg liegen wohl noch in NRW? Die Bezirksregierung antwortet: "Eine wirklich belastbare Zahl gibt es hier nicht. Bezogen auf ein Flächenland wie NRW ist eine Aussage nicht seriös möglich. Pauschal lässt sich aber sagen, dass im Zweiten Weltkrieg etwa 2,7 Millionen Tonnen abgeworfen wurden (inklusive aller Brandbomben und sonstiger Munition), davon etwa die Hälfte auf deutsches Reichsgebiet und davon nochmals knapp die Hälfte auf NRW. Allerdings ist für die Kampfmittelbeseitigung aus diesen Zahlen kaum belastbarer Nutzen zu ziehen, da Flächen auch mehrmals angegriffen wurden ..."

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