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Interview: Die Arbeit der Selbsthilfe-Kontaktstelle der Stadt Wuppertal
Noch nie so wertvoll wie heute

Wuppertal. Wenn sich Menschen, die krank sind, und/oder ein Problem haben, zu einer Selbsthilfegruppe zusammenschließen, geht es um gemeinsame Zeit, Infos und darum, nicht alleine zu sein. Die Stadt hat seit Jahren eine Selbsthilfekontaktstelle. Rundschau-Redakteur Stefan Seitz sprach mit deren Leiter Andreas Rothfuss.

Rundschau: Wie viele Gruppen gibt es?

Rothfuss: 1998 waren es noch 100, heute annähernd 200. Das Spektrum umfasst den ganzen Körper, erstreckt sich außerdem auf viele psychische Erkrankungen. Gerade dieser Sektor wächst stark. Da werden viele weitere Gruppen entstehen. Sie und alle anderen unterstützt die Stadt mit Räumen, Begleitung und auch mit Fördergeld. Wir haben ein großes Netzwerk. Wer "Selbsthilfe/Wuppertal" googelt, stößt automatisch auf uns. Außerdem fördern die Krankenkassen die Selbsthilfe seit einigen Jahren.

Rundschau: Selbsthilfegruppen waren in den 80ern selbstverständlich. Und heute?

Rothfuss: Es ist ganz vieles im Umbruch. Es ist nicht immer einfach, in einer Gruppe einen Nachfolger zu suchen. Das ist ein echtes Generationenproblem. Wir haben jetzt einen Arbeitskreis ins Leben gerufen, der möglichst alle Gruppen themenübergreifend anspricht. Außerdem geht es um Workshops für mehr Austausch und bessere Kenntnisse beim Informationsfluss etwa durch "WhatsApp"-Gruppen. Selbsthilfe geht nicht schnell, sondern sie dauert. Wir müssen also die klassischen Instrumente und die modernen kombinieren.

Rundschau: "Moderner" werden?

Rothfuss: Genau. Nach dem Selbsthilfe-Boom der 80er informieren sich heute viele über ihre Erkrankungen zuerst und intensiv im Netz. Da entsteht schnell der Glaube, man müsste oder könnte ein Problem auf diesem Weg allein lösen. Hinzu kommt eine Art Anspruchsdenken etwa in der Art, dass Ärzte und Therapeuten ja die Sache "zu regeln" hätten. Wir setzen darauf, das Grundprinzip von Selbsthilfe, sich selbst zu engagieren, als wesentlichen Baustein des Gesundheitswesens zu erhalten und offensiv zu ausbauen.

Rundschau: Und was kann Selbsthilfe?

Rothfuss: Sie steigert das Selbstwertgefühl, ist von großem persönlichem Nutzen. Die Betroffenen sind mit ihrer Erkrankung nicht mehr allein, lernen andere kennen. In der Gruppe gibt es viele gute Infos, etwa durch Expertenvorträge, viele gemeinsame Freizeitaktivitäten, man lernt Ärzte kennen, erweitert seinen Horizont, spürt, dass man wichtig ist und ernst genommen wird. So bleibt der Einzelne nicht mehr für sich. Und durch unseren Arbeitskreis erweitern wir das Ganze dahin, dass auch die Gruppen nicht für sich bleiben, sondern sich gegenseitig kennenlernen. Das hat viele positive Impulse gebracht.

Rundschau: Wohin führt der Weg, wo positioniert sich Wuppertal?

Rothfuss: Die Stadt war immer weit vorn. Wir unterstützen schon längst nicht nur Selbsthilfegruppen, die sich mit klassischen, von den Kassen anerkannten Erkrankungen beschäftigen. Wir helfen auch vielen anderen Gruppen, beispielsweise, wenn es um häusliche Gewalt oder Trauerbewältigung geht. Insgesamt steht für die Zukunft im Fokus, den Kontakt zwischen Selbsthilfegruppen und professionellen Fachkliniken und Therapeuten selbstverständlich werden zu lassen. Außerdem wird sich die übliche Selbsthilfegruppe weiterentwickeln müssen. Vom Kreis, in dem man zusammensitzt, zu einem Forum für gute Expertenvorträge. Und das Thema gemeinsamer Freizeitaktivitäten muss stärker in den Vordergrund rücken, um jüngere Leute zu interessieren. Klar ist aber: Selbsthilfe heißt, selbst etwas zu tun. Das wird sich nicht ändern. Wir helfen dabei jederzeit gern. Technisch, inhaltlich, organisatorisch und, wo immer es möglich ist, auch finanziell. Grundsätzlich gilt: Selbsthilfe war noch nie so wertvoll wie heute.

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