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Interview mit NRW-Bahnchef Werner Lübberink
"Ersatzkonzept kann nicht gleiche Qualität haben"

Interview mit NRW-Bahnchef Werner Lübberink: "Ersatzkonzept kann nicht gleiche Qualität haben"
Werner J. Lübberink, Konzernbevollmächtigter der Deutschen Bahn für NRW. FOTO: Pablo Castagnola / Bahn AG
Wuppertal. Die ersten zwei Wochen ohne Bahnverkehr haben die Pendler überstanden. Im Gespräch mit Rundschau-Redakteurin Nicole Bolz zieht Werner Lübberink, Bahnchef NRW, ein erstes Fazit.

Rundschau: Ein Großteil der Osterferien ist rum. Wie bewerten Sie den Schienenersatzverkehr?

Lübberink: Über 2 Wochen haben wir 1.000 Züge mit bis zu 80 Bussen pro Stunde ersetzt. Das war eine Mammutaufgabe von der Planung bis zur Umsetzung. Und für uns war es eine große logistische und kommunikative Herausforderung. Aber vor allem war es für die Reisenden von und nach Wuppertal eine Belastung. Wir wissen, dass wir unseren Kunden einiges an Geduld abverlangt haben. Dafür möchte ich mich ausdrücklich bedanken. Insgesamt hat das Konzept für den Schienenersatzverkehr gut funktioniert. Ein Ersatzkonzept kann natürlich nicht die gleiche Qualität bieten, wie ein im Regelverkehr fahrender Zug.

Rundschau: Viele Kunden fühlten sich nicht gut informiert: Sie konnten etwa in Oberbarmen die Haltestellen für den SEV nicht finden. Auch in Düsseldorf ging es durcheinander: Welcher Bus fährt bis Elberfeld, welcher direkt nach Oberbarmen. Woran lag's?

Lübberink: Gerade in den ersten Tagen eines Schienenersatzverkehres müssen sich die Reisenden erst einmal orientieren. Wir haben deshalb nicht nur auf die Beschilderung im und um den Bahnhof gesetzt, sondern auch Reisendenlenker für die persönliche Ansprache vor Ort eingesetzt. In Wuppertal-Oberbarmen waren beispielsweise fünf Kollegen vor Ort, die den Fahrgästen mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben.  An den Bussen standen Buskoordinatoren bereit, die Hilfestellung gegeben haben. In Wuppertal-Oberbarmen haben Diebe am ersten Wochenende des Schienenersatzverkehrs leider die Beschilderung abgerissen und gestohlen. Dieses rücksichtslose Verhalten hat die Orientierung für die Fahrgäste  erschwert.

Rundschau: Einige Fahrgäste berichteten, dass ausgerechnet auf den begehrten Schnellverbindungen nach Düsseldorf kleine Busse eingesetzt würden, während die wenig genutzte S9 mit Gelenkbussen fährt, die dann eher leer bleiben. Wer kalkuliert und plant denn solche Einsätze und auf welcher Grundlage?

Lübberink: 76 der 80 eingesetzten Busse waren große Gelenkbusse. Hier haben wir alle verfügbaren Kapazitäten eingesetzt: Alles, was rollen konnte, ist gerollt. Grundsätzlich ist es so, dass bei einer Baustelle das Eisenbahnverkehrsunternehmen seinen Schienenersatzverkehr plant und umsetzt. Auf der Strecke von und nach Wuppertal sind aber mehrere Eisenbahnverkehrsunternehmen tätig. Um ein abgestimmtes Gesamtkonzept zu entwickeln, hat der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr die DB Regio damit beauftragt, den Schienenersatzverkehr für alle zu organisieren – also auch für National Express, Eurobahn  und Abellio. Das ist auf Basis der Fahrgastzahlen in Abstimmung mit allen Beteiligten erfolgt. Insgesamt waren die Kapazitäten gut geplant.

Rundschau: Sie berechnen die Fahrtzeit der Schnellverbindung nach Düsseldorf mit 40 Minuten. Eingehalten wurden die laut vieler Pendler eigentlich nie. Denn um den Stau auf der A46 kommt man nicht herum. Gibt es hier keine Alternative? Werden für den SEV in den Sommerferien die Fahrtzeiten direkt großzügiger berechnet?

Lübberink: Im Zuge der Planungen für den Schienenersatzverkehr sind die Strecken mehrfach abgefahren worden. Nach unserer Einschätzung läuft der Ersatzverkehr relativ gut, die meisten Busse sind recht pünktlich unterwegs. Aber wir werden alle Strecken im Detail auswerten und wo es sinnvoll und möglich ist, die Fahrtzeiten für die Sommerferien anpassen. Wir erhoffen dann auch eine Verbesserung der Pünktlichkeit durch die abgeschlossene Baustelle auf der B7.

Rundschau: Pro Bahn sagt, eine Vollsperrung hilft nur der Bahn – nämlich dabei, Kosten zu reduzieren. Man hätte es auch mit mehreren Wochenend-Sperrungen lösen können. Stimmt das?

Lübberink: Wir investieren viele Millionen Euro in die Modernisierung des Schienennetzes der Region, die Ausstattung mit digitaler Leit- und Sicherungstechnik und in das Elektronische Stellwerk. Das kann man nicht an ein paar Wochenenden bauen. Allein für das elektronische Stellwerk werden 387 Signale aufgestellt, 98 Weichen an die neue Technik angeschlossen und rund 374.000 Meter Kabel verlegt sein.

Rundschau: Es heißt, die Signale und Weichen werden komplett abgeklemmt und seien daher nicht nutzbar. Wir sehen aus der Redaktion aber immer wieder, wie Güterzüge oder Loks auf der Strecke fahren. Wie passt das zusammen?

Lübberink: Das sind so genannte Rangier- oder Sperrfahrten für die Baulogistik. Darüber führen wir Material auf die Baustelle. In der Baustelle selbst müssen sich ja auch die Baufahrzeuge bewegen. Solche Fahrten dürfen wir, unter sehr strengen Auflagen, auch ohne Signaltechnik durchführen – aber niemals für den Personenverkehr!

Rundschau: Fahrgäste haben uns berichtet, dass zum Teil sehr alte Busse eingesetzt werden – teilweise mit Sprung in der Frontscheibe. Wer kontrolliert die Busse des SEV? Und wird es im Sommer Klimaanlagen geben?

Lübberink: Wie gesagt: Alle verfügbaren Gelenkbusse waren im Einsatz. Darunter gab es auch vereinzelt ein älteres Fahrzeug – selbstverständlich voll fahrtauglich. Darauf achten auch die Kollegen von DB Regio Bus.

Rundschau: Viele Fahrer scheinen sich auf den Strecken nicht auszukennen, Busse sollen sich verfahren haben. Werden die Fahrer vorab nicht auf die Strecken vorbereitet?

Lübberink: Die Fahrer sind mit ausführlichen Informationen zu Fahrwegen, Linienwegbeschreibungen und Haltestellen versorgt worden. Aber auch ein Busfahrer kann sich verfahren, wenn er eine Strecke zum ersten Mal fährt. Sicher sollte das nicht passieren. Und die betroffenen Fahrgäste bitten wir dafür um Verständnis.

Rundschau: Die Haltestellen des SEV sind schlicht. Schutz vor Regen oder Sonne gibt es ebenso wenig wie Sitzgelegenheiten. Wird für die sechswöchige Sperrung im Sommer nachgebessert?

Lübberink: Wir werden uns nach Abschluss der Sperrung und des Schienenersatzverkehrs mit allen beteiligten Partnern an einen Tisch setzen und eine Bilanz ziehen. Dabei wird es darum gehen, was wir in diesen zwei Wochen auch mithilfe unserer  Fahrgäste gelernt haben und was wir verbessern können.

Rundschau: Immer wieder fragen Experten danach, ob man nicht hätte einen S-Bahn-Pendelverkehr einrichten können. Haben Sie das in Erwägung gezogen?

Lübberink: Bei notwendigen Baumaßnahmen wägen unsere Experten grundsätzlich mit Blick auf die Auswirkungen auf unsere Fahrgäste ab - ganz im Sinne unseres Programms "Zukunft Bahn". Wir wissen, dass die Einschränkungen bei einer Vollsperrung für die Kunden erheblich sind. Auf der anderen Seite wollen und brauchen wir eine moderne Infrastruktur, die steigenden Ansprüchen gerecht wird. Denn jede Maßnahme ist eine notwendige und sinnvolle Investition in mehr Qualität auf der Schiene. Wir haben während dieser Sperrpause ein ganzes Bündel von Baumaßnahmen abgearbeitet – nicht nur für das Elektronische Stellwerk. Dazu kommt die besondere Lage von Wuppertal im Talkessel. Bei einigen Arbeiten ist eine Aufrechterhaltung des Eisenbahnverkehrs nicht möglich, beispielsweise bei Arbeiten an der Leit- und Sicherungstechnik - dem Ampelsystem bei der Bahn. Bei der Planung des Ersatzkonzepts wurden sämtliche Möglichkeiten in Betracht gezogen. Und selbst wenn die Kollegen hätten einen Fahrplan konstruieren können, der einen Pendelverkehr möglich gemacht hätte: Auch das hätte von den Kapazitäten nicht ausgereicht.

Rundschau: Auch wenn es am Ende alles besser werden soll: Sie muten Ihren Kunden mit der insgesamt achtwöchigen Sperrung eine Menge zu. Viele brauchen für ihren Arbeitsweg doppelt so lang, manche nehmen extra Urlaub, um dem Chaos zu entgehen. Sollten Sie denen nicht mit einer Fahrpreisminderung oder ähnlichem entgegen kommen?

Lübberink: Die Belastungen für unsere Fahrgäste sind nachvollziehbar. Daher waren sich alle Verkehrsunternehmen schnell einig, als Entgegenkommen sinnvolle Umwegfahrten zu erlauben - natürlich ohne Aufpreis. Zudem dürfen 9-Uhr-Ticket-Inhaber schon vor 9 Uhr starten. So werden sie trotz Fahrtzeitverlängerung Ihren Zielort rechtzeitig erreichen. Über Kundenanfragen zur Fahrpreisminderung muss jedes Eisenbahnverkehrsunternehmen selbst entscheiden. Für unser Haus – also für die roten Züge von DB Regio – kann ich zusagen, dass wir jede Anfrage individuell prüfen.