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Das Thema "Soziales" neu erfinden?

Das Thema "Soziales" neu erfinden?
Ist das bedingungslose Grundeinkommen eine Möglichkeit, den Sozialstaat neu zu definieren? Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema war die "Färberei" bis auf den letzten (Steh-)Platz gefüllt. FOTO: Stefan Bürk
Wuppertal. Völlig überfüllt war die "Färberei" in Oberbarmen, als es am 16. Juni 2015 um das Thema "Bedingungsloses Grundeinkommen" ging. Von so viel Resonanz waren selbst die "Wuppertaler Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen" als Veranstalter sowie  Diskussionsmoderatorin Iris Colsman ("Der Paritätische") und die geladenen Podiumsgäste überrascht.

Zum Einstieg ging Professor Sascha Liebermann von der Alanus-Hochschule für Kunst und Gesellschaft aus Alfter der Frage nach, warum der existenzsichernde Teil des Einkommens bedingungslos sein sollte. Seine Auffassung: Mit der heutigen Fixierung auf die Erwerbsarbeit seien die Bürgerrechte faktisch an die Erwerbsarbeit gekoppelt.

Dem hielt Thomas Lenz, Vorstandsvorsitzender des Wuppertaler Jobcenters, entgegen, dass das Grundeinkommen angesichts der unterschiedlichen Bedürftigkeit der Bürger viel zu pauschal sei. Lenz  räumte allerdings ein, dass das derzeitige Sozialsystem viel zu kompliziert und nicht mehr vermittelbar, wenn auch gut gemeint sei. "Gut gemeint ist das Gegenteil von gut" konterte Uwe Temme, Leiter des Ressorts Soziales der Stadt Wuppertal. Aus seiner jahrzehntelangen Erfahrung im Wuppertaler Sozialbereich kommt Temme zu der Überzeugung, dass bedingungslose Zahlungen an alle Bürger viele Möglichkeiten bieten, die das heutige Leistungssytem nicht kennt.

Eine Frage, die in diesem Zusammenhang stets gestellt wird: Was ist, wenn dann niemand mehr arbeitet? Dem Sozialwissenschaftler Professor Herbert Grymer kam alledings während seiner Forschungsarbeit an der Bergischen Universität zu der Erkenntnis, dass der Mensch sich positiv entwickelt, wenn man ihm Aufgaben zutraut. Mit Blick auf die Menschen, die mit einem Grundeinkommen in der Tasche tatsächlich nichts für die Gesellschaft tun würden, bemerkte Professor Sascha Liebermann:  "Lassen wir sie in Würde leben. Es wird schon Gründe geben, warum sie nicht beitragen können oder wollen".

Christine Nordmann aus Cronenberg hatte als Besucherin einen der letzten Stehplätze ergattert und sagte nach der Veranstaltung: "So konkret und überzeugend wie Sascha Liebermann dieses Thema vemittelt, habe ich es noch nie gehört."  Trotz der über 200 Besucher waren sich die Podiumsgäste allerdings einig, dass man sich keinen Illusionen hingeben dürfe: Die meisten Bürger stehen einem bedingungslosen Grundeinkommen heute noch ablehnend gegenüber.