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Zu Hause in der (erst) ungeliebten „Spielzeugstadt“

"Zuletzt gelesen": Buchkritiken auf wuppertaler-rundschau.de: Zu Hause in der (erst) ungeliebten „Spielzeugstadt“
Ingrid Stracke, die Wuppertaler "Straßen-Else". FOTO: Burkhard Bücher
Wuppertal. Kurz vor Ende 2017 ist Ingrid Stracke, Lyrikerin und Wuppertals "Straßen-Else", 80 Jahre alt geworden. Ihr (wahrscheinlich) schönstes Geburtstagsgeschenk hat sie sich selbst gemacht: "Vom bunten Schweigen Singen und Sagen" ist Ingrid Strackes erster langer Prosatext – sozusagen ihr erster Roman. Von Stefan Seitz

Über 230 Seiten geht es um Strackes großes Vorbild und Seelenverwandte, die Dichterin Else Lasker-Schüler – zum Großteil aber um Ingrid Strackes eigenes abwechslungsreiches Leben.

Ingrid Stracke, die aus der Rheingegend um Koblenz stammt, erzählt eindringlich und detailreich, lässt erst die echte Else sichtbar werden, um dann mehr und mehr auf sich zu blenden. Schöne Kindheit und Jugend (trotz Krieg), der Weg nach Wuppertal, die eigentlich von Anfang an (und lange noch) ungeliebte "Spielzeugstadt" – darum geht es genauso wie um die Anfänge des Schreibens und die Weiterentwicklung dieses Feldes. Wer Wuppertal kennt, wird viele Bekannte "treffen", sich an vieles erinnern.

Wer Ingrid Strackes ungewöhnliche Erinnerungen liest, lernt eine ungewöhnliche Frau kennen. Eine, die immer (bewusst) anders war und sein wollte, eine politisch Denkende, eine sehr engagierte Antifaschistin. Thematisch und in Sachen (Lebens-)Zeiten springt der Text munter hin und her, präsentiert sich als immer wieder überraschendes Füllhorn.

Gedichte gibt es (natürlich) viele – daneben aber ganz oft tatsächliche Prosaglitzerstückchen: eine kleine Flamenco-Szene, der Strackesche Garten, der Himmel, die Natur. Keine Frage: Da ist Ingrid Stracke definitiv besser als in ihren Lyriktexten. Auch Bitteres wie eine Nacht im Luftschutzkeller oder einen sexuellen Übergriff in Ingrid Strackes Jugend schildert die "Straßen-Else" mit eindringlicher poetischer Kraft.

"Vom bunten Schweigen Singen und Sagen" ist eine sehr andere (Auto-)Biographie, ganz und gar individuell. Wie Ingrid Stracke selbst auch. Erschienen ist der Band im De Noantri-Verlag - er kostet im Buchhandel 16 Euro.

Ein Wermutstropfen zum Schluss: Warum so oft die Fragesätze keine Fragezeichen haben, bleibt eine große Frage.

+++++ Termin +++++

Im Literaturhaus an der Friedrich-Engels-Allee 83 (Haspel-Häuser) liest Ingrid Stracke am Montag, 29. Januar 2018, um 18 Uhr aus "Vom bunten Schweigen Singen und Sagen". Der Eintritt ist frei.

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