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Hintergrund zur neuen Doppelspitze am Tanztheater
Verordneter Optimismus

Hintergrund zur neuen Doppelspitze am Tanztheater: Verordneter Optimismus
Kulturdezernent Matthias Nocke, Oberbürgermeister Andreas Mucke, die neue künstlerische Leiterin des Tanztheaters Bettina Wagner-Bergelt, der künftige kaufmännische Leiter Roger Christmann, Stadtdirektor Johannes Slawig und Beiratsvorsitzende Ursula Schulz (von links) FOTO: Karl-Heinz Krauskopf
Wuppertal. Von Widersprüchen, Beziehungsgeflechten und dem sehnlichen Wunsch nach einem Tanzzentrum. Von Nicole Bolz

Das Tanztheater Wuppertal hat also eine neue Führungsspitze. Bettina Wagner-Bergelt (60) und Roger Christmann (47) bilden das Duo, das ab 1. Januar 2019 offiziell seine Tätigkeit als künstlerische sowie kaufmännische Leitung aufnimmt. Und das vollkommen gleichberechtigt, "auf Augenhöhe", wie beim Pressegespräch am Dienstag im Rathaus mehrfach betont wurde. Das ist bemerkenswert, weil neu. Die Geschäftsordnung soll dazu nun umgearbeitet werden, kündigte Stadtdirektor Johannes Slawig an. Dies sei der ausdrückliche Wunsch von Wagner-Bergelt und Christmann gewesen. Deren Argumentation habe ihn überzeugt.

Gleichzeitig, das ist Slawig wichtig, sei die bisherige Konstruktion – die künstlerische Leitung war der Geschäftsführung unterstellt – auf keinen Fall Grund für die Konflikte zwischen der im Sommer fristlos entlassenen Intendantin Adolphe Binder und dem Geschäftsführer Dirk Hesse gewesen. Ergibt das Sinn? Während also die Fakten nahelegen, man habe aus den Fehlern der Binder-Zeit gelernt, demonstriert die Verwaltungsspitze weiter: Nein, wir machen keine Fehler.

Überhaupt, man will lieber nach vorne sehen. "Turbulenzen hatten wir genug", räumt Oberbürgermeister Andreas Mucke ein. Und man horcht tatsächlich auf, denn im gesamten Prozess um die fristlose Kündigung von Adolphe Binder war vom Stadtoberhaupt und Beirat-Mitglied nicht ein Wort zu hören. Als ginge ihn das alles irgendwie nichts an. Aber nun will man Optimismus und Aufbruchstimmung verbreiten. Im Dezember soll der Rat, so hofft die Verwaltung, den Durchführungsbeschluss zum Tanzzentrum verabschieden. Zu lange gab es Stillstand in Wuppertals Vorzeigeprojekt. Der Bund verweigerte das so sehnlich erwartete Signal für die Beteiligung an den Betriebskosten. Und ohne die blieb die Argumentation in der eigenen, finanziell noch immer nicht auf Rosen gebetteten Stadt schwierig.

Die Negativschlagzeilen um die Kündigung Binders machten die Lage nicht einfacher. Und so hatte die Stadt zur Premiere des Doppelabends "Café Müller / Das Frühlingsopfer" Anfang November die kulturpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen eingeladen, sich selbst ein Bild zu machen von der unveränderten Strahlkraft des Werks von Pina Bausch.

Es ist zu bezweifeln, dass bei dem Besuch auch Erwähnung fand, dass diese besondere Aufführung – getanzt wurde zur Live-Musik des Orchesters und mit zwei Sängern – auf die Spielzeit-Planungen von Adolphe Binder zurückgeht. Jener Spielplan, der von der Verwaltung inzwischen als reine "Ideensammlung" herabgewürdigt wird und der zugegebenermaßen einfach unvollendet blieb. Ein paar Tage später entschied der Haushaltsausschuss des Bundestags, sich mit acht Millionen Euro Fördermitteln zur Hälfte an den Einrichtungskosten des Pina-Bausch-Zentrums zu beteiligen. Darüber kann man sich freuen, die Frage, wie man den laufenden Betrieb des Tanzzentrums finanzieren will, bleibt jedoch weiter unbeantwortet.

Da passt es ins Bild, dass man jetzt mit den neuen Namen an der Spitze des renommierten Tanztheaters den Blick auch dort Richtung Zukunft lenken will. Und es ist dem Trio Mucke, Slawig und Nocke während des Pressegesprächs am Dienstag deutlich anzumerken, wie erleichtert man darüber ist. "Mir fällt ein Stein vom Herzen", räumt Slawig ein, "dass der Finanzausschuss grünes Licht für die Personalien gegeben hat."

Sowohl die Tanzmanagerin Bettina Wagner-Bergelt wie auch der in der Entwicklung, Leitung und Finanzierung von Kulturprojekten erfahrene Roger Christmann sind für zwei Jahre bis zum Ende der Spielzeit 2020/21 verpflichtet und wollen bereits in der kommenden Woche ihre Arbeit in Wuppertal aufnehmen. Dann verlässt auch der langjährige Geschäftsführer Dirk Hesse das Tanztheater. Seine Rolle in der Causa Binder ist bis jetzt weitgehend ungeklärt.

Mehrfach betont die Verwaltungsspitze, es handele sich dabei um Interimslösungen. Denn der Prozess der "Neuaufstellung" des Tanztheaters nehme sicher mehrere Jahre in Anspruch. Man müsse nun klären, wofür das Tanztheater und die Compagnie stehe, wie man mit dem Repertoire umgehe,  wie das Repertoire sich zu Neuem und auch wie sich das Tanztheater zum Tanzzentrum verhalte, so Slawig. Über diese Fragen will man gemeinsam mit Experten beraten. Und erst am Ende all dieser Überlegungen werde man dann über Personalien entscheiden.

Damit legt die Stadt als alleinige Gesellschafterin des Tanztheaters unfreiwillig offen, dass all diese Fragen bis heute offensichtlich ungeklärt sind und somit auch vor dem Engagement von Adolphe Binder keine klaren Vorstellungen darüber existierten, wie der Begriff "Transformation" im Einzelnen mit Leben gefüllt werden sollte. Aber auch davon will Johannes Slawig nichts wissen. Man habe den Prozess mit dem viel zitierten Papier von Stefan Hilterhaus (Pact Zollverein) vor Jahren eingeleitet und Binder gebeten, diesen weiter voranzutreiben. Dass sie dem nicht genügend nachgekommen sei, sei nicht allein ihre Schuld, sondern auch die eigene, sagt Slawig. Man hätte sie eben stärker dazu ermahnen müssen. Er nennt das Selbstkritik.

Eine komplizierte Gemengelage also, in die sich vor allem Bettina Wagner-Bergelt nun einfinden muss. Erstaunlich übrigens, dass genau ihr Name bereits seit Wochen kursiert, wenn es um die Nachfolge von Adolphe Binder ging. Die 60-Jährige war bereits vor ein paar Jahren im engen Kandidaten-Kreis, aus dem seinerzeit jedoch Adolphe Binder als künstlerische Leiterin für das renommierte Wuppertaler Ensemble hervorging. Damals habe sie aus einem persönlichen Grund abgesagt, erklärt Slawig, der noch im September die Nachfrage der Rundschau klar verneint hat, ob man mit der Münchnerin nun wieder in Verhandlungen stehe. Auch sie selbst hatte, so berichten Insider, das Gerücht empört von sich gewiesen. Am Dienstag sagte sie, sie sei erst vor vier Wochen angesprochen worden.

Diese Ansprache erfolgte aus einer geheimen Findungskommission innerhalb des Beirats. Wer dazu gehörte, wollte Slawig während des Pressegesprächs nicht Preis geben. Wahrscheinlich dürfte sein, dass sowohl Bettina Milz (Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW) wie auch Madeline Ritter (Bausch-Foundation) dazu gehörten. Wagner-Bergelt gilt als sehr gut vernetzt und ist sowohl mit Ritter wie auch Milz seit vielen Jahren gut bekannt und soll zudem mit Hortensia Völckers einen sehr engen Draht in die Kulturstiftung des Bundes haben. Das ist in Hinblick auf das geplante Tanzzentrum sicher nicht ganz unwichtig.

Fakt ist: Der Zeitpunkt für die Benennung der neuen Führungsspitze ist gut gewählt. Nicht nur wegen der beschworenen Aufbruchstimmung. Auch weil im Dezember der Prozess um die Kündigung von Adolphe Binder vor dem Arbeitsgericht weiter geht. Einmal mehr demonstriert die Stadt also: Wir schaffen Fakten, egal wie das Gericht entscheidet.

Auf die Frage, was denn geschieht, wenn Binder den Prozess gewinne und man praktisch zwei künstlerische Leiterinnen habe bzw. man Binder das Gehalt bis Ende des bis 2022 gültigen Vertrags zahlen müsse, gab sich Slawig gewohnt entspannt: "Für den Fall verfügt das Tanztheater über genügend Rücklagen." Dies werde keinerlei Einfluss auf die künstlerische Arbeit haben. Das ist doch mal eine gute Nachricht: An Geld scheint es dem Tanztheater also nicht zu mangeln.

 

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