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Zuletzt gelesen: Die Rundschau-Buchkritiken
Staubsaugervertreterliebe und Gold auf der Straße

Zuletzt gelesen: Die Rundschau-Buchkritiken: Staubsaugervertreterliebe und Gold auf der Straße
"Von Liebe und Hunger" von Julian Maclaren-Ross kostet im Buchhandel 24 Euro. FOTO: Arco-Verlag
Wuppertal / Wien. Der Wien-Wuppertaler Arco-Verlag hat vier (wieder einmal) außergewöhnliche Bücher für 2016 im Programm. Von Stefan Seitz

Es gibt sie noch, die kleinen, großen Verlage, die sozusagen handgemachte Bücher herausbringen. Christoph Haackers Arco-Verlag, der im Wuppertaler Luisenviertel und in Wien zu Hause ist, zählt dazu. Wie jemand, der mit einer Grubenlampe in den tieferen Schichten unterwegs ist, finden Haacker und sein Team regelmäßig das Besondere, Vergessene – und bringen es ans Licht. Jetzt gleich viermal.

Julian Maclaren-Ross' "Von Liebe und Hunger" (240 Seiten, 24 Euro), das von 1947 stammt, erzählt von Robert Fanshawe, der Schriftsteller sein möchte, sein immer zu weniges Geld aber als Staubsaugervertreter verdienen muss. Es gibt Romane, in denen, rein "technisch" gesehen, nicht viel passiert, und die trotzdem eine starke Sogwirkung haben. "Von Liebe und Hunger" ist so einer. Fanshawe zieht von Haus zu Haus, trifft ganz unterschiedliche Frauen, ver- und entliebt sich, fängt an zu schreiben... Maclaren Ross, der in den späten 40er Jahren in London Kultstatus genoss (und übrigens selbst Staubsaugervertreter und regelmäßig pleite war), hat einen coolen, reduzierten Stil. Liebe, Sex, Alltag, all das Traurig-Schöne zwischen Männern und Frauen – davon erzählt er in echtem Großstadtsound, null geschwätzig, handfest, und doch immer wieder zutiefst poetisch. Großartige Wiederentdeckung! Schlappe 70 Jahre alt, definitiv topmodern.

Apropos Wiederentdeckung: 1940 entstanden ist "Jerusalem wird verkauft oder Gold auf der Straße" von Mosche Ya'akov Ben-Gavriel, der eigentlich Eugen Hoeflich hieß. Er, der 1917 als k.u.k. Unteroffizier in Jerusalem stationiert war und 1927 nach Palästina ausgewandert ist, erzählt von einem Jahr auf einem höchst exotischen Ersten-Weltkriegs-Außenposten. Dass dieser Weltkrieg überhaupt "so weit draußen" auch stattfand, weiß kaum jemand. Und was im damaligen Noch-nicht-Israel passierte, schon gar nicht. Ben-Gavriel nimmt angesichts der satt alimentierten Sinnlosigkeit des österreichischen Militätgetues kein Blatt vor den Mund – und setzt ungeschönte Schilderungen der brutalen Gewalt der türkischen Armee gegen Araber, Juden und Armenier dagegen. Geschrieben wie ein Tagebuch und jetzt erstmals im Original zugänglich, ist das Ganze eine Special-Interest-Seltenheit, wie man sie sonst wohl kaum in die Finger bekommt. Der Scheinwerfer fällt auf ein weitgehend vergessenes Kapitel der Geschichte. Die (wie stets bei Arco) ausführlichen und akribischen Glossare, Anmerkungen und Nachworte helfen hier richtig viel. 240 Seiten, 22 Euro.

Überhaupt: Glossar, Anmerkungen, Nachwort. Die braucht man unbedingt, um "Verluste – Antonia gewidmet" (370 Seiten, 26 Euro) von Lea Goldberg zu verstehen und/oder einzuordnen. Goldberg, 1935 nach Palästina emigriert, gilt als eine der wichtigsten Lyrikerinnen in hebräischer Sprache. Und dass hier eine Lyrikerin einen Roman geschrieben hat, davon spricht fast jede Zeile dieses höchst ungewöhnlichen Buches. Die Geschichte des Hebräisch schreibenden Dichters Jehuda Kron im Berlin des Jahres 1932 führt durch die Stadt ganz kurz vor Beginn der Nazi-Diktatur, führt in viele Zimmer vieler verschiedener Frauen (etwa das der dem Roman den Titel gebenden Studentin Antonia) – und führt auf die verschlungenen Wege des Herzens, des philosophisch-politischen Denkens sowie der jüdischen Religiosität. Wie es der Frau Lea Goldberg gelingt, ihren Text beinahe komplett aus der Sicht eines Mannes zu erzählen, ist erstaunlich. Ihre biblisch-monumentalen Sätze und der "hohe" Ton erzeugen eine ganz eigentümliche Lese-Atmosphäre. Kein leichter Toback, ein Wechselbad aus zähem Denkertum und rasanter Emotions-Achterbahn – inklusive immer wieder lautem Ausatmen angesichts extrem geschliffener Wort-Kunst auf Top-Niveau. Man zweifelt öfter, ob man's bis zum Ende durchhalten wird. Wer das schafft, wird mit dem Gefühl belohnt, etwas wirklich Außergewöhnliches gelesen zu haben. Und mit einem Happy-End, was ja für Texte aus dieser Zeit wahrlich auch nicht selbstverständlich ist.

Und nein, ein Happy-End, das gab es nicht im Leben des Tschechen Josef Capek, Avantgarde-Maler und Bruder des berühmten Schriftstellers Karel Capek. Josef Capek, wichtiger Repräsentant der tschechoslowakischen Republik, wurde schon 1939 von den Nazi-Besatzern verhaftet, saß in Dachau, Sachsenhausen, Buchenwald und in Bergen-Belsen, wo er noch im April 1945 starb. Capeks "Gedichte aus dem KZ" (200 Seiten, 26 Euro) sind auf verschlungenen Wegen für die Nachwelt gerettet worden: Sie erzählen von der Trauer über den noch vor der deutschen Okkupation geschehenen Tod des geliebten Bruders, erzählen vom bitteren Lagerleben, von der Sehnsucht – und ganz zum Schluss von den Ängsten angesichts des bevorstehenden Transportes von Buchenwald nach Bergen-Belsen. Capek war kein Dichter, hat vor dem Lager nie Lyrik geschrieben. Seine Gedichte sind gereimt, holpern manchmal, sind teilweise lang, sehr lang. Aber die Innigkeit jedes einzelnen Textes ist beeindruckend: Tiefe Bildersprache, genaue Beobachtungsgabe, das Offenlegen der Seele – alles, was Lyrik ausmacht, ist hier zu finden. Das Arco-Buch bringt die handgeschriebenen Capek-Originale in Faksimilé-Form gegenüber der deutschen Übersetzung – und liefert mit umfangreichem (bebildertem) Anhang wichtige Hintergründe und Informationen. Ein wunderschönes Buch, das leider traurig machen muss.

Mehr über das Verlagsprogramm auf www.arco-verlag.com