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Lesung mit Mechthild Großmann
"Pina hat mir ein unglaublich reiches Leben geschenkt"

Lesung mit Mechthild Großmann: "Pina hat mir ein unglaublich reiches Leben geschenkt"
FOTO: Max Höllwarth
Wuppertal. Nein, eine Lesung muss nicht langweilig sein. Nicht jedenfalls wenn sie liest. Mechthild Großmann, 68 Jahre, langjähriges Mitglied im Pina-Bausch-Ensemble, Theaterschauspielerin, "Tatort"-Staatsanwältin. Markenzeichen: abgründige Whiskey-Stimme. In die Bibliothek der Uni ist sie am Donnerstagabend gekommen, um zu lesen. Von Nicole Bolz

20 Jahre hat sie in Wuppertal gelebt, in der Uni sei sie aber nie gewesen. Sie liest aus Dorothy Parkers Erzählung "Eine starke Blondine", eine ihrer Lieblingsautorinnen, wie Mechthild Großmann später verraten wird. Sie schätze ihren derben Humor, mehr noch ihren Sprachwitz, ja sie sei fast sauer, weil die Amerikanerin diesen Satz erfunden hat, der ihr selbst so gern eingefallen wäre: "Noch ein Martini und ich liege unterm Gastgeber." Die Zuschauer – weit mehr als 200 drängen sich in den Stuhlreihen –, sie lieben das. Das leicht Verruchte, das sie mit wissendem, nur leicht angedeuteten Lächeln und Grabesstimme so unnachahmlich verkörpert. Und Dorothy Parker liefert ihr mit ihrer Geschichte von Hazel Morse viele Gelegenheiten. "Sie gehörte nicht zu den Frauen, die in Erinnerungen schwelgen", schrieb Dorothy Parker über diese Hazel Morse. "Sie war kein Spielverderber. Männer mochten keine Spielverderber." Aber dann geht es mit Hazel bergab, sie hangelt sich von Mann zu Mann und von Drink zu Drink, bis der Nebel aus Alkohol, Sex und Tabletten sich über ihr schließt.

Großmann gibt dieser passiven, unterwürfigen Frau nicht nur eine gehauchte Stimme, sondern auch ein Gesicht. Ein leidendes, ein verunsichert-verhuschtes, alkoholtraniges. Bei den Männern poltert sie, der eigenen Stimme und Temperament weit näher, drauflos. Gebannt hängen die Zuhörer dabei an ihren Lippen. Als die Germanistin Christine Hummel im anschließenden Gespräch etwas von Ironie erwähnt, die sie herausgehört haben will, widerspricht Großmann energisch. "Ironie bedeutet, dass ich mich über die Person erhebe, aber das ist mir fern. Ich trinke selbst gern!"

Zack! Immer wieder kontert die Schauspielerin die Fragen – auch von den Zuschauern – mit sympathischer Offenheit. Als es um ihre Zeit mit Pina Bausch geht, wird sie ruhiger. Warum sie jetzt nicht mehr dabei ist, beim Wuppertaler Tanztheater, will ich wissen. Und einen sehr langen Moment lang haftet ihr Blick auf mir, als überlege sie, ob sie überhaupt antworte solle. Dann aber sagt sie: "Ich fand, dass ich das Recht habe, mit 68 Jahren aus dem Ballett auszuscheiden. Ich kann es körperlich nicht mehr." Ganz ruhig, ganz ernst sagt sie das, noch etwas abweisend. Und spricht dann doch weiter: "41 Jahre lang habe ich jede Spielzeit hier gespielt – so eine lange Ehe bekommt man kaum hin. Dass ich jetzt aufgehört habe, hat auch damit zu tun, dass Pinchen nicht mehr ist. Es hat sich verändert. Die Compagnie bedeutete immer viel Arbeit und wenig Geld, aber Pina hat mir auch ein unglaublich reiches Leben geschenkt. Die Arbeit mit Pina war schon sehr besonders; es gab so viele wahnsinnig tolle Momente mit ihr. Sie hat oft bis zur letzten Minute Szenen verändert und manchmal dachte man: Was macht sie da? Aber am Ende war es immer toll. Darauf konnte ich mich verlassen. Das Gefühl hatte ich nie wieder am Theater."

Fast mucksmäuschenstill ist es jetzt. Doch Mechthild Großmann wäre nicht Mechthild Großmann, wenn sie zum Schluss nicht noch einmal lauter würde. "Wenn wir dann jetzt durch sind", dröhnt sie, "dann würde ich jetzt wahnsinnig gern Alkohol trinken."