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ZULETZT GELESEN: Buchkritiken auf wuppertaler-rundschau.de
Magisch – mal zwei

ZULETZT GELESEN: Buchkritiken auf wuppertaler-rundschau.de: Magisch – mal zwei
Kerstin Kempker, „Bruderherz“, Nimbus-Verlag, Schweiz, 19,80 Euro. FOTO: Nimbus-Verlag
Wuppertal . Schon länger gab es nichts mehr zu berichten von wirklich guten literarischen Texten aus Wuppertal. Jetzt aber! Und gleich im Doppelpack. Von Stefan Seitz

Mit dem Titel "Der Möglichmacher" hat der Wuppertaler Klaus Harms eine ganz besondere Geschichte aufgeschrieben: Er erzählt vom alternden Lehrer Harry., der aus seiner bürgerlichen Welt ausbricht und zusammen mit dem auch nicht mehr jungen Kontrabassisten Pecko auf eine Reise geht, die in bis nach Sibirien führt. Dass Harry gleich Harms und Pecko gleich Peter Kowald sind, drängt sich auf. Wird aber nie definitiv. Ist auch egal: Klaus Harms, der sich hier als bild- und wortgewaltiger Erzähler erweist, hat einen 275-Seiten-Text vorgelegt, der sofort in den Bann zieht und in Atem hält. Harrys und Peckos musikalische Reise durch die Wildnis liefert große Naturbilder, tiefe Gefühle ohne irgendwelches Gedusel, ganz wunderbare Musikschilderungen, eine ungeheure Körperpräsenz dieser irre intensiv geschilderten Figur Pecko, viel Nachdenklichkeit – und trotz Tod, Verlust, Trauer ein sanftes, versöhnliches Happy End. Vor allem aber: Klaus Harms beschreibt die Nacht, die Harry und Pecko gemeinsam mit der heimatlosen Jelka verbringen, die ihnen weit im Osten über den Weg läuft und die beiden Männer nicht mehr loslässt, so sinnlich-erotisch, wie man das ganz selten nur zu lesen bekommt. Was kann man Kritisches sagen über dieses Buch? Zwei-, dreimal gerät Klaus Harms ins Geschwätz. Fängt sich aber rasch wieder ein. Und der Titel – der ist viel zu sachlich-kühl, lässt kaum spüren, was zwischen diesen Buchdeckeln steckt. Toller Text!

Klaus Harms, "Der Möglichmacher", Nordpark-Verlag, Wuppertal, 15,90 Euro.

Ganz anders ist "Bruderherz" aus der Feder der in Wuppertal geborenen und in Berlin lebenden Kerstin Kempker. Ihr Text beginnt in einer Wohnung in New York: Eine Frau, die Erzählerin, wird von Herzvorhofflimmern aufgeschreckt. Eine Erinnerungsflut setzt ein, geführt als imaginäres Gespräch mit dem Bruder, den sie im Raum sieht. Die ganze Kindheit, die so problematisch war, entspinnt sich, entwirrt sich (entwirrt sie sich?), zieht vorbei. Das Buch folgt Bildern: Bildern im Inneren sowie angeschnittenen, eher zerschnittenen Schwarz-Weiß-Fotos, die unregelmäßig eingebaut sind. Und Erinnerungsscheinwerferblöcke, kurz und mit eigenen Titeln, in anderer Schrift eingestreut. Vater, Mutter, Geschwister – seltsamer Abgrund. Magisches Erzählen, still, fast wie murmelnd. Angst vor Einsamkeit, Sehnsucht nach Liebgehabt-Werden, nach Freude: Kerstin Kempker schreibt in ihrem komplett eigenen Rhythmus, folgt nur ihrem (flimmernden) Herzen, ihren Gedanken. Immer wieder steht die Zeit still, stockt dem Leser der Atem. Woher hat sie diese Sätze, Vergleiche, Bilder? Dies hier, der Schluss von "Bruderherz": "Wir wissen nicht voneinander. Keiner kehrt zurück. Am Ufer steht Mutter und ruft. Die letzten Lichter verlöschen. Einen Moment ist es ganz still." Was kann man Kritisches sagen über dieses Buch? Nichts. Das ist große Literatur.

Kerstin Kempker, "Bruderherz", Nimbus-Verlag, Schweiz, 19,80 Euro.