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Gedichte und Knochen

Gedichte und Knochen
FOTO: Nimbus-Verlag
Wenn im Herbst die Blätter fallen, startet pünktlich das große Rauschen auf dem Büchermarkt. Hier sind vier Tipps von vielen. Von Stefan Seitz

Im Sommer bekam die Stadtbibliothek eine große Collage aus 774 mit Texten und Fotos beklebten Streichholzschachteln der verstorbenen Wuppertaler Autorin und Künstlerin Barbara Commandeur als Dauerleihgabe. Passend dazu gibt es im Wuppertaler Nordpark-Verlag in der Reihe "Die besonderen Hefte" den Band "Glastagebrechen" (6,50 Euro) mit Texten und Gedichten von Barbara Commandeur aus den Jahren 1980 bis 1993. Die Malerin, Dichterin und Performance-Künstlerin starb im November 1993 bei einem Wohnhausbrand. "Glastagebrechen" bietet (liebes-)emotionale und politisch-wütende Texte mit Schwarz-Weiß-Zeichnungen, aber auch Handschrift-Bild-Kombinationen. Ein ganz kurzes Textbeispiel: "Leg deinen mittleren Finger / auf meine Seele, der Ahorn / häutet sich, wirft Rinde". Dieser Text geht noch weiter – und es gibt viele andere sehr intensive zu entdecken. Geheimtipp!

Auch Gedichte, aber ganz andere, nämlich komische – und zwar 45 Stück – hat der gelernte Wuppertaler Designer Hans G. Gohlisch geschrieben: "Das fröhliche Flusspferd" heißt sein 55-Seiten-Bändchen, zu dem Konstantin Wecker ein gut gelauntes Vorwort beigesteuert hat. Gohlisch, der erst spät zur Lyrik kam, merkt man die Liebe zu Morgenstern und Ringelnatz deutlich an. Beispielsweise gut gelungen: Das leichtfüßig gereimte "Lolita, Alwin und St. Pauli" oder das konsequent klein geschriebene "jandl". Grundsätzlich geht's um Menschen, Tiere, Kaffeebohnen oder Apfelkorn. Das Büchlein mit der ISBN 978-3-00-050041-1 ist unter schwierigen Bedingungen als Kleinstauflage im Eigenverlag entstanden: Darum ist ein Buchhandelspreis von 24 Euro unvermeidlich.

Wieder herausgekommen – in einem neuen Verlag – ist der aus 2008 stammende Michael-Zeller-Roman "Falschspieler". Den 269-Seiten-Text des Wuppertaler Schriftstellers hat jetzt der Universitätsverlag Brockmeyer für 19,90 Euro im Programm. Zeller greift auf ganz eigene Weise einen tatsächlichen Literaturplagiat-Skandal der 50er Jahre auf. "Falschspieler" kommt etwas in holprig in Gang, packt dann aber kräftig zu – und spielt mit gleich mehreren Handlungssträngen und Sprachstilen. Lohnende Wiederentdeckung!

Zum Schluss: "Nur die Knochen bitte" heißt ein 107-Seiten-Buch der in Wuppertal geborenen Kerstin Kempker, die seit 2002 als Autorin aktiv ist. Die Erzählerin, die niemals "ich" sagt, hat ein künstlerisches Stipendium in der Pfalz bekommen: Der in zahllose Kleinstkapitel aufgeteilte Text berichtet vom Dort-Ankommen und Anderswo-Weggehen, von der Vergangenheit und der Gegenwart – und von einer durch erstaunliche Tiefe und Detailreichtum geprägten Gedankenwelt, die sich auf intimes Inneres und ganz äußerlich Alltägliches richtet. Das Buch (Nimbus-Verlag, 19,80 Euro), das Tochter Paula Kempker mit 400 Piktogrammen illustriert hat, ist einerseits unglaublich still, andererseits erstaunlich voll von zutiefst überraschenden Wort-Bild-Schöpfungen. Ein ganz und gar ungewöhnlicher Text. Muss man zweimal lesen!