| 13.11 Uhr

Bergische Uni
Abrechnung mit dem rationalistischen Weltbild

Bergische Uni: Abrechnung mit dem rationalistischen Weltbild
Pankaj Mishra während seiner Vorlesung in der City-Kirche. FOTO: Stefanie Bergel
Wuppertal. Ob Brexit oder Trump, Terrorismus oder Wirtschaftskriege – um diese globalen Phänomene zu erklären, taugen unsere Kategorien und Konzepte nicht mehr. Davon zeigte sich Pankaj Mishra bei seiner Vorlesung in der CityKirche Elberfeld überzeugt.

Der englisch-indische Schriftsteller und Gastprofessor an der Bergischen Universität betonte etwa: "Die Idee eines homo oeconomicus, der ausschließlich von rationalen Motiven bewegt sein Glück anstrebt, steht immer noch im Zentrum gesellschaftlicher Überlegungen, ist aber längst überholt. Wir müssen uns an Intellektuellen vergangener Zeiten orientieren, um die aktuellen Entwicklungen begreifen zu können."

Die Liste dieser Schriftsteller, Denker und Philosophen ist in den Augen von Pankaj Mishra lang. Sie reiche von Rousseau über Freud bis zu Dostojewski und Nietzsche. "Es gab in der Vergangenheit viele Revolten gegen den seit der Aufklärung propagierten Rationalismus – sie werden nur selten in Erinnerung gerufen." Charles Darwin zum Beispiel habe gesagt, dass Menschen nicht selbst entscheiden können, in welche Richtung sie sich entwickeln. Und Jean-Jacques Rousseau erlebte am eigenen Leib, wie sich in einer vermeintlich demokratischen Gesellschaft Gefühle von Unzufriedenheit, Neid und Hass breitmachten – weil "die anderen" mehr Geld, Status oder Anerkennung hatten. Um diese Emotionen zu beschreiben, nutzte der Franzose den Ausdruck "Ressentiments".

Dieser Begriff findet sich auch in den Schriften von Pankaj Mishra. "Ressentiments", sagte er in seiner Vorlesung, "vergiften Gesellschaften überall. Noch allerdings werden diese Emotionen und die dahinterstehende strukturierte Ungleichheit unterschätzt." Seine eigene Rolle in diesem Prozess ist für den Gesellschaftskritiker ganz klar: "Meine Aufgabe ist es, für Aufklärung zu sorgen. Wenn ich beispielsweise in den USA veröffentliche oder vortrage, zeige ich den Menschen eine Realität, die sie nicht sehen oder nicht sehen wollen." Allerdings könne er auch nur diagnostizieren und auf Fehlentwicklungen hinweisen, eine Patentlösung für die Probleme gebe es nicht. Leider.