Kommentar über das angebliche Ende der Korridorsanierung Wuppertal und die Deutsche Bahn müssen zum Paartherapeuten ...

Wuppertal · Der Fußballer Jürgen Wegmann sagte einmal: „Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu“. Getreu diesem Motto hat sich der Wuppertaler Zug- und dessen Ersatzverkehr in den vergangenen sechs Monaten ins Aus gespielt. Was übrig bleibt, ist ein Scherbenhaufen voller verlorenem Vertrauen und Frust.

Die Bahn bleibt eine Baustelle – auch nach dem Ende der Korridorsanierung.

Foto: Wuppertaler Rundschau/Christoph Petersen

Wuppertals Beziehung mit der Deutschen Bahn muss zum Paartherapeuten. Das Zugunternehmen behandelt die Schwebebahnstadt wie ein ungewolltes Kind. Es muss für uns sorgen, macht dies jedoch so wenig liebevoll wie einst Kutscher auf dem Weg nach Köln ihre Pferde behandelten. Tatsächlich könnte man dieser Tage meinen, das Mittelalter sei zurückgekehrt.

Die fast schon skurrilen Bahn-Fehltritte in Deutschlands siebzehngrößter Stadt zeugen von einer so großen Respektlosigkeit gegenüber den Fahrgästen, dass man anfängt, darüber nachzudenken, die Deutsche Bahn des Tales zu verweisen. Doch das ist wie mit dem ungewollten Kind: Es geht halt nicht.

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Foto: Wuppertaler Rundschau/Tomas Cabanis

Bei so zerrütteten Verhältnissen vergisst man fast, dass ab diesem Wochenende zum ersten Mal seit dem 6. Februar der RE7, die am häufigsten verspätete Bahnlinie in NRW, und seine Bummelschwester RB48 wieder fahren.

Anlass ist das angebliche Ende der Sanierungsarbeiten auf der Strecke Hagen-Wuppertal-Köln. Die Bahn betitelt die Bauarbeiten seit Kurzem nicht mehr als „General-“, sondern als „Korridorsanierung“. Den Verantwortlichen muss ein Lichtlein aufgegangen sein. Denn das ist der Kern der Irrfahrt der Deutschen Bahn: Statt der dringend gebotenen Komplett-Erneuerung fand schlussendlich nichts anderes statt als ein Reparieren, ein Drüberstreichen und ein Durchfegen in den Bahnhöfen und an den Schienen.

Als der Zugverkehr nach Düsseldorf Mitte Juni wieder anrollte, wurde dieses Versäumnis sofort ersichtlich – in Form zahlreicher Betriebsstörungen, die bei den Leuten, die nicht die Rundschau lesen, für einen Aufschrei sorgten. Dabei stand in dieser Zeitung bereits vergangenen November, dass die störanfälligen Stellwerke das Hauptproblem der 65 Kilometer langen Strecke sind.

Besonders bitter bei der jüngsten Tragödie ist, dass nicht die veralteten Schaltzentralen Schwelm und Oberbarmen aus den 1980ern für den großen Ärger sorgten – sondern die modernste Anlage der Stadt in Vohwinkel.

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Foto: Wuppertaler Rundschau/Christoph Petersen

Dort begaben sich 14 Tage lang Techniker auf Rätselsuche, bis das schuldige Computerteilchen lokalisiert werden konnte. Allerdings ist immer noch unklar, warum und was genau an der Platine nicht mehr funktioniert. Braucht die Deutsche Bahn etwa einen Sherlock Holmes?

Dabei sorgen solche Probleme nicht immer für zweiwöchige Ausfälle – diesmal hatte der Stellwerk-Streber in der Region wirklich Pech. Einige der sieben Kontrollanlagen machen viel mehr Probleme. Sie erhielten vom Bundesverkehrsministerium im Januar Schulnoten zwischen einer 4,5 und einer glatten 6,0. Und sie werden noch einige Zeit walten dürfen: Erst „weit in den 2030er Jahren“ sollen sie erneuert werden.

Laut Bahn liege das unter anderem an der Planungszeit eines solchen Umbaus. Komisch, dass das bei Sanierungen auf anderen Strecken trotzdem geklappt hat. Ende 2026 will die Bahn zumindest einmal die Stromkabel in Oberbarmen auswechseln - im laufenden Betrieb!

Wenn das ein Weihnachtsgeschenk an uns ist, dann ist das gut. Denn die lila Ersatzverkehr-Flotte gilt im Tal bei vielen Fahrgästen inzwischen als „lila Fluch“. Dabei versprach die Bahn vor der Sanierung das Blaue vom Himmel. Es kam anders. Pünktlich zur ersten Rushhour an einem kalten Februarmontag warteten Berufspendler nach Düsseldorf eine Stunde lang auf ihren Ersatzbus. Schlechter konnte es gar nicht losgehen. Doch die Verspätungen zu den Stoßzeiten hielten an.

Die Bahn versuchte mehrmals, das Konzept nachzubessern. Wobei immer noch unklar ist, warum der Ersatzbus RE7 von Wuppertal nach Köln bei jeder Fahrt über Solingen tuckern musste und somit einen mindestens 20-minütigen Umweg in Kauf nahm. Der VRR – beteiligt beim Schienenersatzverkehr (SEV) – zeigte sich insgesamt sehr enttäuscht. „Wir reden nicht über Kinderkrankheiten, sondern über wiederkehrende, strukturelle Mängel“, sagte etwa dessen Vorstandssprecher.

Zur Kritik zählte etwa, dass die Bahn ortsfremde Fahrer, die bei Subunternehmen angestellt sind, offensichtlich nicht ausreichend mit den Streckenschulungen vertraut gemacht hat. So landeten ein paar der 200 Busse in Sackgassen oder verewigten sich mit Schrammen jeglicher Art an Ecken, Schildern und Laternen. Zwar sollen die Lenker einen überdurchschnittlichen Stundenlohn erhalten haben, doch auch dieser kam unpünktlich ans Ziel. Beim Blick auf das Konto stellten Fahrer fest, dass die Unternehmen zu wenig Gehalt überwiesen hatten. Der Grund war, dass Steuerdaten nicht rechtzeitig beim Finanzamt lagen.

Als genauso fragwürdig entpuppte sich die Ersatzhaltestelle für den Wuppertaler Hauptbahnhof an der Historischen Stadthalle. Vor allem der Aus- und Einstieg auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Prachtbaus avancierte zu Stoßzeiten aufgrund des schmalen Gehwegs zu einem Abenteuer. Ähnlich eng erlebten die Ersatzbuspassagiere die überdachten Wartehäuser bei Regen, von denen anfangs kein einziges zusätzliches aufgestellt war.

Zum Glück ersetzte die Bahn wenigstens die improvisierten Wegweiser-Zettel, die an eine Schnitzeljagd bei einem Kindergeburtstag erinnerten, durch standfeste Tafeln. Wobei an der Ampel vor der Stadthalle dann darauf verzichtet wurde. Wo geht’s lang - links oder rechts? Ach, egal. Wer anschließend vom Johannis- zum Döppersberg lief, quetschte sich dann durch Wuppertals engstes Loch. Denn die Zugangsstraße zum Hauptbahnhof diente auch als Abstellort für Baumaterialen und Mitarbeiter-Autos.

Dabei gab es Vorschläge von Wuppertaler Branchenkennern, die Haltestelle vor das Pina-Bausch-Zentrum zu setzen - diese wurden jedoch nicht erhört. Laut einigen Verkehrspolitikern fehlte vonseiten der Bahn das Interesse, sich groß auszutauschen. Zumindest der offene Brief von Oberbürgermeisterin Miriam Scherff von vergangener Woche müsste bei der DB InfraGO auf dem Tisch liegen.

Scherff teilt scharf aus: Die vergangenen Ereignisse setzten „dem Missmanagement der Bahn [...] die Krone auf und so langsam verlieren wir die Geduld“. Das gilt auch für den Hauptbahnhof, der am heutigen Samstag aus seinem Schönheitsschlaf erwachen sollte – daraus wird wohl nichts. An Gleis 4 und 5 wird noch bis zum 7. August gearbeitet, bis dahin fallen die S-Bahnen aus. Laut Bahn gehörten diese Baumaßnahmen allerdings nicht zur Korridorsanierung und seien schon viel früher geplant gewesen. Jetzt ergibt alles Sinn.

Zumindest ein Verkehrsmittel profitiert vom Zug-Schlamassel. Es müsste sich fast schon bei der DB bedanken. Denn die wahre Lehre aus der Streckensperrung im Jahr 2026 ist: Wenn Sie ankommen wollen, nehmen Sie das Auto!