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Nach Toreschluss – die Wochenendsatire
Digitale Modellkommune

Nach Toreschluss – die Wochenendsatire: Digitale Modellkommune
Rundschau-Redakteur Roderich Trapp. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. Diese Woche kam die Meldung, dass Wuppertal "digitale Modellkommune" wird. Mindestens die Hälfte der Einwohner fragt sich jetzt: Leck mich anne Fott, wat soll dattan sinn? Ich auch.

Hm, überlegen wir mal. Kommunen kennen wir ja noch als politisierende Wohngemeinschaften der 60er Jahre. Ihre bekanntesten Bewohner waren der Esoterik-Wischmopp Rainer Langhans und das Fotomodell Uschi Obermaier. Als digitale Modellkommune knüpft Wuppertal wahrscheinlich an diese Tradition an und gründet zahlreiche Wohngemeinschaften für gutaussehende junge Damen und Herren, deren ausschweifendes Zusammenleben man dann filmt und in digitalen Medien lukrativ vermarktet. So eine ähnliche Wohngemeinschaft mit weitgehend unbekannten Prominenten hat RTL ja erst gestern wieder im australischen Dschungel gestartet und verdient damit ein Schweinsvermögen. Wuppertals Stadtkämmerer kopiert jetzt mit der digitalen Modellkommune dieses Geschäftsprinzip und wird damit unseren Schuldenberg abtragen.

Aber halt, jetzt lese ich gerade was auf der Homepage der Stadt Wuppertal: Es geht in Wirklichkeit offensichtlich gar nicht um Fotomodelle, sondern um ein "digitales Bürgerportal", über das die Menschen künftig einfacher mit der Stadtverwaltung kommunizieren können. Wuppertaler sollen damit "bequem von zu Hause Ämtergänge erledigen". Der Ämtergang ist dann aber genau genommen ja kein Ämtergang mehr, sondern ein Ämtersurfen. Das ist möglicherweise sowieso eine sehr passende Bezeichnung, weil Surfer ja zum schnellen Untergehen neigen, was ich mir bei der Weiterverarbeitung digitaler Bürgeranliegen durch einen vollelektronischen Beamten-Workflow auch ganz gut vorstellen könnte.

Womöglich damit genau das nicht passiert, sollen "die Stadtverwaltung und andere Dienstleister, Institutionen und Organisationen intelligent miteinander vernetzt und gesteuert werden". Beim Stichwort "intelligentes Vernetzen" kriege ich allerdings immer ein bisschen Angst, weil mir dabei sofort Organisationen wie die Deutsche Bahn oder die Post einfallen. Die haben sich intern so intelligent vernetzt, dass sich zahlreiche Fahrgäste und Briefe in diesen Netzen verfangen und niemals ankommen. Ich lese aber, dass unser Oberbürgermeister trotzdem optimistisch ist: "In die Entwicklung zur 'intelligenten Stadt' werden Akteure der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft und der Bergischen Universität eingebunden", versichert er.

Das bedeutet allerdings im Umkehrschluss, dass Wuppertal bisher noch eine doofe Stadt ist, was ich insgeheim schon länger befürchtet hatte. Speziell beim letzten Gang über den Elberfelder Weihnachtsmarkt, der dank der eher suboptimalen Vernetzung von Akteuren der Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung jedem Haufendorf im Nordkaukasus alle Ehre gemacht hätte.

In der digitalen Modellkommune gibt es dann übrigens bestimmt auch so eine automatische Telefonzentrale, wie sie bei großen Firmen aus der Abteilung Deutsche Telekom oder Unitymedia bereits sehr erfolgreich nicht funktioniert. Da meldet sich dann eine digitale Frauenstimme und sagt: "Willkommen im digitalen Rathaus der Stadt Wuppertal – Ihr modernes Bürgerdienstfehlleistungszentrum im Herzen des Bergischen Landes. Leider sind alle verfügbaren Anschlüsse derzeit belegt. Ihre voraussichtliche Wartezeit beträgt 39 Minuten."

Wer viel Tagesfreizeit hat und geduldig bleibt, hört dann in der Warteschleife fünfmal Ravels "Bolero", gespielt vom im Zuge der Digitalisierung längst aufgelösten analogen Wuppertaler Sinfonieorchester, ehe die Frauenstimme wieder ertönt und sagt: "Wenn Sie Ihren Pass verlängern wollen, wählen Sie die Eins. Wenn Sie Ihr Auto ummelden wollen, wählen Sie die Zwei. Wenn Sie sich über ein Knöllchen beschweren wollen, legen Sie bitte auf."

Bis die Tage!