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Aus dem Tagebuch der Redaktion
Autofrei – ich bin dabei! Aber …

Aus dem Tagebuch der Redaktion: Autofrei – ich bin dabei! Aber …
Rundschau-Redakteur Stefan Seitz. FOTO: Bettina Osswald
Wuppertal. "Europäischer autofreier Tag" – der ist am Freitag (22. September 2017). Ich habe im Juni 2016 mein Auto abgeschafft. Nach 37 Jahren ununterbrochen auf vier Rädern und insgesamt 14 Autos. Um Pfingsten 2016 ist es passiert: Das ganze Auto-Ding wurde mir irgendwie zu teuer – und zu nervig.

Um deswegen (vom Thema Umweltschutz mal gar nicht zu reden) auf den Wagen zu verzichten, mussten bei mir viele Aspekte zusammenkommen: Ich bin in etwa 20 Minuten zu Fuß in der Redaktion. Für rund 90 Prozent dessen, was ich zum Leben brauche, gibt es 150 Meter von meiner Wohnung entfernt einen Supermarkt, der bis 22 Uhr geöffnet ist. Und "mein" Viertel hat mehrere Kioske, in denen oft bis Mitternacht Licht brennt. Die Elberfelder City, wo meine Mutter lebt, liegt am Fuß "meines" Berges – ebenso viele "meiner" Gastronomie-Adressen plus die "besseren" Einkaufsziele. Außerdem: Die Trasse ist quasi vor der Tür. Das macht Besuche bei Freunden in Barmen per Rad zum Katzensprung. Wenn‘s nicht regnet – ich bin kein Hardcore-Radler.

Ganz, ganz wichtig: Meine Freundin, die in einem anderen Teil der Stadt wohnt, hat ein Auto. Wenn wir uns sehen, muss jetzt eigentlich immer sie fahren. Das gefällt ihr nicht. Auch so etwas darf man nicht verschweigen.

Was dabei (und bei größeren Einkäufen, Transporten & Co.) sehr hilft: Einer meiner besten Freunde braucht sein Auto selten, wohnt nur zehn Gehminuten von mir – oft darf ich seinen Wagen benutzen. Car-Sharing sozusagen. Car-Sharing ist ohnehin eine unverzichtbare Autofrei-Säule.

Und berufliche Außentermine? Die Redaktion hat ein "Ticket 2000", unser Verlag zwei Fuhrparkautos. Auch das ein wichtiger Posten bei der Frage, ob autofrei funktioniert.

Meine Auto-weg-Entscheidung war von sehr persönlichen Umständen abhängig. Wenn mehrere davon nicht anders ausgesehen hätten (etwa Wohnen weit außerhalb, Job in einer anderen Stadt, Familie mit Kindern, schlechte Nahversorgung), wäre es schwierig(er) gewesen. Vielleicht unmöglich.

Fazit: Ich habe es mehrheitlich nicht bereut. Auch wenn vieles ohne eigenes Auto komplizierter zu organisieren ist. Vor allem, wenn etwas mal nicht nach Plan läuft, ist jemand, der ein Auto hat, deutlich flexibler. Aber obwohl man immer mal wieder ein Taxi oder (für längere Wege) einen Mietwagen bezahlen muss: Die Ersparnis ist spürbar. Der jahrzehntelang tägliche Ärger über Verkehr und Parkplatzsuche fehlt mir gar nicht. Wer viel zu Fuß geht, Schwebebahn oder Rad fährt, sieht seine Stadt – wirklich, echt, schön und hässlich. Einem Lokaljournalisten schadet das nicht. Manchem Kommunalpolitiker oder Chef-Stadtverwalter wäre es auch zu empfehlen.

Das Wuppertal Institut hat die autofreie City ins Gespräch gebracht. Ich konnte mir das Luisen- und Laurentiusviertel nie autofrei vorstellen. Heute sehe ich das anders. Aber für eine autofreie City müssen richtig viele Faktoren funktionieren: Unbedingt mehr, breitere, sicherere und bessere Radverbindungen in der Stadt. Die Trasse ist toll, aber sie allein reicht nicht. Moderne Bike-Sharing-Konzepte, um, etwa in Kombination mit der Seilbahn, die Südhöhen zu erschließen. Für die Seilbahn (find‘ ich gut) aber ÖPNV-Strecken einzudampfen, ist falsch. Im Gegenteil: Bus-Anbindungen forcieren! Das Geld dafür muss ausgegeben werden. Gute Zukunft kostet. Gute Zukunft zu verschlafen, kostet mehr.

Grundsätzlich sage ich: Ganz ohne Auto geht es nicht. Wenn es also gelingt, intelligent über die Stadt verteilt große Car-Sharing-Pools (gerne mit E-Fahrzeugen) zu platzieren, auf deren Fuhrpark man zu sozial gerechten Kosten zugreifen kann, wären bestimmt viele Leute mit ins Ich-brauche-kein-eigenes-Auto-mehr-Boot zu bekommen.

Ich bin gespannt, ob ich das noch erlebe. Bis dahin: Wenn Sie mich mal im strömenden Regen den Paradeberg hochsteigen sehen, dürfen Sie mich gerne ein Stück mitnehmen. Fänd‘ ich klasse!

Die Rundschau-Radrunde